Sturmhochwasser und Polarluft

Wetterlage am 29.März 2020
Quelle: https://www.wetterkontor.de/de/wetterlage.asp

Am letzten Märzwochenende stand ein veritabler Wettersturz ins Haus. Über dem Atlantik plusterte sich das mächtige Hoch KEYWAN auf und erreichte einen stolzen Kerndruck von bis zu 1055 hPa.

In der Folge setzte ab der Nacht zum Sonntag (29.03.) eine kräftige Nordströmung ein, mit welcher arktische Polarluft auf ziemlich direktem Wege bis nach Mecklenburg-Vorpommern gelangte. Durch einen eingelagerten Bodentrog ging der Wetterwechsel von Sonne pur und immerhin 8-14°C am Samstag zu 2-5°C am Sonntag mit Niederschlägen und Sturm einher. Der Nord- bis Nordostwind erreichte in den Frühstunden Stärke 7-8 an der Küste, in exponierten Lagen wurden schwere Sturmböen der Stärke 10 registriert. Dies sorgte für deutlich steigende Wasserstände entlang der Ostseeufer. Verbreitet wurde die Sturmflutmarke von 1,00 m erreicht, in den Buchten sind Maximalwerte von 1,40 bis über 1,50 m über normal gemeldet worden (= leichte bis mittlere, vereinzelt sogar schwere Sturmflutkategorie). Der Höhepunkt war zwischen 08 und 12 Uhr erreicht.

Maximale Pegelstände in M-V + angrenzende Orte / 29.03.2020

 Abw. vom MWSTUhrzeit HöchststandSturmflutkategorie
Travemünde1,51 m10:00 Uhrschwer
Lübeck1,57 m10:05 Uhrschwer
Wismar1,47 m09:26 Uhrmittel
Warnemünde1,16 m11:45 Uhrleicht
Rostock-Mühlendamm1,33 m11:16 Uhrmittel
Stralsund1,14 m10:25 Uhrleicht
Sassnitz0,89 m09:30 Uhrleicht
Greifswald-Wieck1,31 m09:50 Uhrmittel
Karlshagen / Usedom0,98 m11:10 Uhrleicht
Ueckermünde0,60 m15:51 Uhrleicht
Verlauf des Pegels in Warnemünde und Rostock-Mühlendamm
Quelle: https://pegelonline.wsv.de/gast/start;jsessionid=6B639A759363FF713B40CED19048664E

Einteilung Sturmfluten an der deutschen Ostseeküste
-4 Klassen-
leichte Sturmflut: 1,00 bis 1,25 m über mittl. Wasserstand
mittlere Sturmflut: 1,25 bis 1,50 m über m. WS
schwere Sturmflut: 1,50 bis 2,00 m über m. WS
sehr schwere Sturmflut: mehr als 2,00 m über m. WS

Zur weiteren Einordnung: Die schwere Sturmflut vom 02.Januar 2019 erreichte in Wismar 1,91 m, in Rostock 1,83 m und in Warnemünde 1,67 m über normal. Damit erreichte dieses Ereignis eine deutlich höhere Größenordnung und verursachte zahlreiche Schäden.

Die erste Sturmflut in diesem Jahr war am 05.Februar 2020, erreichte einen Maximalstand von 1,21 m in Wismar und fiel damit schwächer aus als die jetzige.

Spitzenböen M-V 29.03.2020

Videos aus Warnemünde vom 29.03.2020- überspülter Strand und Wellen an der Westmole

Neben Sturm und Hochwasser war der Niederschlag die dritte spannende Komponente am Sonntag- Morgen. Zunächst fiel bei sinkenden Temperaturen verbreitet leichter Regen, ab 07-08 Uhr ausgehend von der vorpommerschen Küste Schneeregen. Bis zum Mittag breitete sich das Niederschlagsgebiet südwärts aus und dann konnten auch im Binnenland nasse Schneeflocken beobachtet werden. Bei 1-3°C reichte es aber nirgends für eine Schneedecke.

Am Nachmittag lockerte der Himmel rückseitig der Kaltfront von der Ostsee her auf und die Sonne setzte sich in der nun jedoch spürbar „eisigen“ Polarluftmasse durch.

Der Parameter „Taupunkt“ ist dafür ein guter Indikator. Die Karte zeigt verbreitet deutlich negative Werte, was auf eine sehr trockene und kalte Luftmasse hindeutet.

Taupunkte am 29.03.2020 um 17 Uhr
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/taupunkt/20200329-1500z.html

Mit langsam abflauendem Nordwind ging auch das Ostsee-Wasser Stück für Stück zurück und die Pegelstände normalisierten sich.

Die Auswirkungen der Sturmflut waren überschaubar: In Wismar wurden Straßen in Hafennähe überschwemmt, vielerorts überspülten die Wellen Strände und drückten das Wasser bis an die Dünen und Steilküsten. Auf Poel und bei Boltenhagen stürzten Bäume durch Unterspülungen um und wurden Findlinge aus der Steilwand gerissen.

Die städtische Wärmeinsel

In trockenkalten Strahlungsnächten mit kaum spürbarem Wind, so wie es zu Beginn der Woche auch in Mecklenburg-Vorpommern der Fall war, ist der Effekt der sogenannten „Städtischen Wärmeinseln“ zu beobachten.

Dieses Merkmal ist Gegenstand verschiedener Forschungsprojekte, gerade im Sommer können die Auswirkungen auf die Stadtbewohner bedeutend sein. Es besteht die Gefahr von Hitzestress, selbst nachts kann kaum gelüftet werden, da anders als im ländlichen Umland nur eine geringe Abkühlung einsetzt.

Quelle: Deutscher Wetterdienst, https://www.dwd.de/DE/forschung/klima_umwelt/klimawirk/stadtpl/projekt_warmeinseln/projekt_waermeinseln_node.html

Das Grundprinzip lautet: Urbane Räume können Wärme effektiver speichern. Dazu ein paar allgemeine Erläuterungen (beispielhaft für einen Sommertag):

Die Erwärmung erfolgt tagsüber natürlich durch die Sonnenstrahlung. Vom Erdboden wird diese aufgenommen und dann zur Nacht wieder abgestrahlt. Diese Abfolge funktioniert bei trockener und sauberer Luft sowie klarem Himmel umso besser. In den Innenstädten fördern derweil ein hoher Versiegelungsgrad (viel Stein, Beton etc.), Straßenschluchten und hohe Gebäude die Erwärmung. Die Wärme kann besonders gut absorbiert und gespeichert werden. Fehlende Vegetation sorgt für ausbleibende Kühlungseffekte und dichte, enge Bebauung für „eingeschlossene“ Luft (bei windschwachen Lagen). Die Wärme kann abends nur im geringen Maße nach oben entweichen, die Zirkulation kommt beinahe zum Erliegen, sodass ein Austausch mit kühlerer Luft vom Stadtrand verhindert wird. Zudem stellt auch die stärkere Luftverschmutzung ein Hindernis dar und hemmt die Abstrahlung der Wärme.

Nicht unerheblich ist außerdem die Wirkung der Verdunstungsabkühlung. Nach Niederschlägen halten unversiegelte Flächen (Wiesen, Felder etc.) die Feuchte länger als asphaltierte Flächen in der Stadt, wo das Wasser rasch in die Kanalisation abfließt.

Der Wärmeinseleffekt lässt sich durch Messungen eindeutig bestätigen, die Temperaturunterschiede innerhalb einer Großstadt können in einer Sommernacht durchaus 8 bis 10°C betragen (zwischen Innenstadt und ländlichem Stadtrand). Hier ein Beispiel aus Berlin vom 11.Juli 2006, 01 Uhr:

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/stadt-berlin/temperatur/20060710-2300z.html

Mollige 23°C am Alexanderplatz, kühle 15°C in Kaniswall an der südöstlichen Stadtgrenze.

Auch im Winter lassen sich Auswirkungen beobachten. Beispiel: Fällt nasser Schnee bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, so bleibt davon auf dem Land mehr liegen als in der Stadt.


Blicken wir auf ein aktuelles Temperaturbeispiel aus der vergangenen Woche für Rostock und Schwerin.

Betrachtet werden die Tiefsttemperaturen für die frostige Nacht vom 22. zum 23.März. Auf beiden Karten ist der Umriss des Stadtgebietes mit den milderen Werten deutlich zu erkennen.

Im ländlich-dörflichen Umland dagegen: Weniger Bebauung und versiegelte Flächen, mehr Grün => deutliche Auskühlung, Tiefstwerte bis -5°C

Auch innerhalb des Stadtgebietes existieren durch Grünanlagen oder offene Flächen kleine „Kältelöcher“ mit niedrigeren Temperaturen.

Im Fall unserer Landeshauptstadt tritt zudem der Schweriner See deutlich hervor, welcher wie die Ostsee als „Fußbodenheizung“ fungiert und eine deutliche Auskühlung der Luft über der Wasseroberfläche verhindert.


Diese Untersuchung zeigt u.a., dass ein offizieller Messwert für eine ganze Stadt meist nicht repräsentativ ist.

Stadtklimaeffekte werden bspw. im Bauwesen und in der Gesundheitsvorsorge berücksichtigt. Der DWD führt Studien zum besseren Verständnis der Wärmeverteilung innerhalb unterschiedlicher Bebauungsstrukturen durch, die Forschung ist in diesem Bereich längst nicht abgeschlossen.

Kälter als der Winter

Wetterlage am 21.März 2020
Quelle: https://www.wetterkontor.de/de/wetterlage.asp

Unterkühlte Temperaturen, knackige Nachtfröste, Schneeschauer- im Januar und Februar würden sich sicherlich einige darüber freuen. Nun, wo es auf Ende März zugeht, ist die Mehrheit doch auf wärmeres Wetter eingestellt.

Das Skandinavienhoch JÜRGEN lenkte in den vergangenen Tagen trockenkalte Kontinentalluft aus Nordosten nach Deutschland. In der klaren Luft gab es eine hervorragende Fernsicht von teils über 80 km entlang der Ostseeküste. Nachts konnte die gespeicherte Wärme vom Erdboden bei wolkenlosem Himmel und nur schwachen Winden dagegen ungehindert ausstrahlen.

Verbreitet wurden frostige Temperaturen gemessen und dabei sogar die bisherigen Tiefstwerte in diesem Winterhalbjahr unterboten. Selbst im „Kernwinter“ 2019/20 (Dez, Jan, Feb) war es vielerorts in MV zu keinem Zeitpunkt so kalt wie in den Nächten vom 22. zum 23.03 und 23. zum 24.03. Das Landesminima von Mecklenburg-Vorpommern lag zuvor bei -5,3°C (01.11.2019 / Station im „Kälteloch“ bei Karlshagen/Usedom). Nun ging es im DWD-Netz abwärts bis auf -6,8°C am Flugplatz Barth. Im gemeinsamen Messnetz von Kachelmannwetter und der Vereinigten Hagel-Versicherung registrierte die Messtechnik in Strasburg sogar -7,5°C. Grundsätzlich auch für Ende März alles nicht rekordverdächtig, aber dennoch unter dem Klimamittel und eben aufgrund der milden Vorgeschichte bemerkenswert.

An der vorpommerschen Ostseeküste reichte es am Samstag und Sonntag außerdem für einzelne schwache Schneeschauer, ausgelöst durch den Feuchteeinschub vom Ostsee-Wasser und eine labile Schichtung aufgrund der vergleichsweise milden Wassertemperaturen.

Absolut „meldepflichtig“ war außerdem die sehr geringe relative Luftfeuchte. Am Tage lagen die Werte teils unter 30 %. Die Folge war zum einen, dass Reifglätte in den Morgenstunden trotz des Frostes kaum ein Thema wurde. Zum anderen trocknete die Wäsche auf Balkonien und Terrassien beinahe in Rekordgeschwindigkeit.

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/luftfeuchtigkeit/20200325-1400z.html

Ein negativer Aspekt der Wetterlage ist derweil die ansteigende Waldbrandgefahr. Dazu trägt der seit dem Wochenende wehende kontinentale Ost- bis Südwind, viel Sonnenschein, die sehr trockene Luftmasse (=> hohe Verdunstung) und natürlich der ausbleibende Niederschlag bei.

In M-V gilt in den südlichen und südöstlichen Landesteilen mittlerweile die zweithöchste Waldbrandgefahrenstufe.
Quelle: https://www.dwd.de/DWD/warnungen/agrar/wbx/wbx_stationen.png

Wie geht es nun weiter? Bis zum Wochenende altert die Polarluftmasse zunehmend und erwärmt sich sowohl in der Höhe als auch in den bodennahen Schichten. Die Ost-Strömung lässt an Intensität nach und mit weiterhin viel Sonnenschein steigen die Temperaturen tagsüber, abseits der Küste mit Seewind, auf zweistellige Werte an. Nachts muss regional weiterhin mit leichtem Luftfrost, zumindest aber Bodenfrost gerechnet werden.

Zum Sonntag wird ein neuer Kaltlufteinbruch von Norden her erwartet!

Rückblick: Dicke Schneepackung im März 2013


Ein paar Hintergründe und Zahlen:

Der März 2013 war aus meteorologischer Sicht ein äußerst spannender Wettermonat. Nach mildem Auftakt folgte ein später und langandauernder Winterrückfall. Dies zu einem Zeitpunkt als viele Menschen schon den Frühling herbeisehnten und Schnee und Eis bereits abgeschrieben hatten.

Mehrere Nordostlagen mit einströmender sehr kalter Polarluft führten ab der Monatsmitte zu teils zweistelligen Minusgraden in den Nächten und Dauerfrost am Tage. Hinzu kamen Tiefdruckeinfluss und Schneefälle.

Gewöhnlich kann man sich in unserer Region im Laufe des März mit steigendem Sonnenstand, mit der Nordwärtsverlagerung der Frontalzone und mit dem nahenden Frühjahr vor allem gegen Ende des Monats auch auf steigende Temperaturen einstellen.

2013 kam es ganz anders, die zweite und dritte Märzdekade war deutlich kälter als die erste. Die negativen Abweichungen zum Klimamittel 1961-1990 betrugen teils knapp 6°C!

Mitteltemperatur Mecklenburg-Vorpommern März 2013: -1,0°C (Abw.: -3,8 K)
1.Dekade: 1,7°C (Abw.: +0,2 K)
2.Dekade: -2,7°C (Abw.: -5,1 K)
3.Dekade: -1,5°C (Abw.: -5,7 K)

Eine Auswertung der Wetterwarte Schwerin (seit 1890) zeigt, dass die zweite Märzhälfte 2013 (16.-31.03.) in M-V die mit Abstand kälteste der letzten 130 Jahre war.

Betrachtet man den Gesamtmonat, so ergibt es „nur“ den siebtkältesten März in der Schweriner Temperaturreihe seit 1849 (hinter 1853, 1883, 1942, 1917, 1888 und 1969).

Der kälteste Tag (niedrigstes Tmax) und die eisigste Nacht (niedrigstes Tmin)

In ganz M-V Dauerfrost am 24.März 2013, ein verspäteter Eistag.
Starke Auskühlung über der Schneedecke: -18,6°C in Tribsees in der Nacht vom 13. zum 14.März 2013.
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/tageshoechsttemperatur/20130324-0000z.html

Beachtlich war des Weiteren der Schneereichtum. Auf der Insel Rügen lag zum Frühlingsanfang am 20.03.2013 bis zu 40 cm von der Weißen Pracht.

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/schneehoehen-tag/20130320-0600z.html
Verbreitet gab es im März 2013 18 bis 22 Tage mit geschlossener Schneedecke, in Sassnitz auf Rügen sogar 27.
Quelle: http://www.mtwetter.de/monatskarte.php

Die Statistik belegt hier ebenfalls ein Ereignis mit Seltenheitswert. Im Zeitraum 21. bis 31.März lag innerhalb von M-V nur im Jahr 1899 und 1978 ähnlich viel Schnee.

Grund der außergewöhnlichen Winterkeule waren mehrere und beständige Nordostwetterlagen in der zweiten und dritten Märzdekade, die sehr kalte Kontinentalluft polaren Ursprungs bis nach Mitteleuropa führten. Die großräumige Druckkonstellation wies dabei hohen Luftdruck über Nordeuropa von Grönland über das Nordmeer bis nach Skandinavien und tiefen Luftdruck weiter südlich von den Azoren bis in den Mittelmeerraum aus. An der Süd- und Südostflanke des Nordeuropahochs konnte dann sehr kalte Polarluft aus arktischen Gefilden mit Nordostwinden über Westrussland und über das Baltikum auf direktem Wege nach Mitteleuropa und nach Deutschland gelangen. Eine gleichzeitig weit nach Süden gedrückte Frontalzone hielt wärmere Luftmassen subtropischen Ursprungs fern.

Der Spätwinter hielt sich über den Monatswechsel hinaus hartnäckig und brachte Anfang April 2013 regional neue Temperaturrekorde in Mecklenburg-Vorpommern.

Die letzten Schneereste verschwanden in Warnemünde am 10.April.

Ungewohnt frostige Tiefsttemperaturen

In der Nacht zum Sonnabend (13. zu 14.03.) sanken die Werte in Mecklenburg-Vorpommern verbreitet in den leichten Frostbereich, ein doch seltenes Erlebnis in den letzten Wochen und Monaten. Zuvor war auf der Rückseite von Tief GISELA ein Schwall polarer Kaltluft aus Norden eingeflossen. Nachts klarte der Himmel dann auf und der Wind legte sich, sodass es mit den Temperaturen rasch in den Keller ging. Nur unmittelbar an der Ostsee war es streckenweise milder, sofern ein seichter Seewind bis in die Morgenstunden erhalten blieb.

Die kältesten Messwerte vom 14.März:

-4,3°C Barth / Flugplatz
-4,0°C Kargow-Schwarzenhof (Müritz-Nationalpark)
-3,8°C Laage / Flugplatz

Tiefstwerte der Lufttemperatur in 2 m / Nacht vom 13.03. zum 14.03.
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/tiefsttemperatur/20200314-0600z.html

Direkt über dem Erdboden war es noch frischer mit bis zu -7,0°C in Trollenhagen bei Neubrandenburg. Auf Hiddensee gab es selbst in dieser Messhöhe Plusgrade.

Tiefstwerte Temperatur in 5 cm über Erdboden / Nacht zum 13. zum 14.03.
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/tiefsttemperatur-boden/20200314-0600z.html

Zur Einordnung:

Die Station Waren / Müritz meldete einen Tiefstwert von -2,5°C. Diese Messung ist dort zusammen mit dem Minimum des 28.Dezember (ebenfalls -2,5°C) die niedrigste Temperatur in diesem Winterhalbjahr.

Ein beeindruckend hohes/mildes Minimum, welches nochmal den Totalausfall des Winters verdeutlicht.

Quelle: http://www.mtwetter.de/monatskarte.php

Seit dem 01.Oktober 2019 sank die Lufttemperatur nirgendwo in Mecklenburg-Vorpommern unter die -5°C-Marke ab. Der Landes-Tiefstwert lag bei -5,3°C (Karlshagen, am 01.11.). Schon eine völlig unspektakuläre normale Märznacht mit etwas skandinavischer Kaltluft reichte beinahe aus, um hier zu unterbieten. Barth / Flugplatz meldete (siehe oben) -4,3°C.

Nach dem Nachtfrost folgte ein Super-Samstag mit Sonnenschein pur. Es summierte sich die maximal mögliche Tagessumme von 11 Sonnenstunden entlang der Ostsee-Küste.

Der Sonnenuntergang konnte sich ebenfalls sehen lassen:

Tief Hanna übertrumpft Februar-Stürme

Wetterlage am 13.März
Quelle: https://www.wetterkontor.de/de/wetterlage.asp

Nach mehreren vor allem medial präsenten Stürmen im Februar („Sabine“, „Victoria“), welche in M-V jedoch für keine ungewöhnlichen Windgeschwindigkeiten sorgten, zog anschließend an eine Phase der Wetterberuhigung am 12.März Sturmtief Hanna über den Norden Deutschlands.

Entstanden in der Nacht vom 11. zum 12.03. aus einer unscheinbaren Welle auf dem Atlantik vor den Britischen Inseln, vertiefte sich die Zyklone rasch und verlagerte sich über die Nordsee und Dänemark bis ins Baltikum. An der Südflanke verschärften sich die Luftdruckgegensätze deutlich und das Starkwindfeld erfasste in Deutschland hauptsächlich Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern mit Schwerpunkt auf die Küstenregionen.

Am Vormittag überquerte die Kaltfront MV von West nach Ost. Regional ging dies schon mit ordentlich Wind und schauerartigen Niederschlägen einher. Über Warnemünde fegte die Front mit einem kräftigen Graupelschauer und orkanartigen Böen bis 106 km/h hinweg. Auch im Süden Mecklenburgs war die Kaltfront als scharf abgegrenzte Schauerlinie gut organisiert und brachte Böen der Stärke 11 von bis zu 103 km/h in Feldberg.

Situation am Vormittag: Die Kaltfront über dem Südosten, danach kurzzeitig Wetterberuhigung bevor neue Schauer aus Westen folgten und in ihrem Umfeld für heftige Böen sorgten.
Quelle (Bild bearbeitet): https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/mecklenburg-vorpommern/20200312-0915z.html

Postfrontal setzte typisches Rückseitenwetter bzw. Aprilwetter ein. Durch eine Portion Höhenkaltluft labilisierte die Luftmasse und einzelne Regen- und Graupelschauer wechselten sich mit sonnigen Phasen ab. In den Niederschlägen wurden durch den vertikalen Impulstransport (Herabmischen des starken Höhenwindes) die ruppigsten Böen registriert. Bis in den Nachmittag hinein kam es so punktuell zu schweren Sturmböen oder orkanartigen Böen, an der Ostseeküste reichte es allein gradientbedingt (Luftdruckgegensätze) für Mittelwinde der Stärke 7-8, Böen 9 bis 10 aus West.

Spitzenböen Sturmtief Hanna in M-V / 12.März

Anmerkung: Hiddensee-Dornbusch gilt als der windigste Ort im deutschen Ostseeraum und der Windmesser ist zudem sehr exponiert auf dem Leuchtturm montiert.

Karte mit den Windspitzen der DWD-Stationen

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/windboeen-max/20200313-0000z.html

Beaufort-Skala:

75-88 km/h = BFT 9
89-102 km/h = BFT 10
103-117 km/h = BFT 11
ab 118 km/h = BFT 12

Zum Vergleich: Die Spitzenböe bei Orkantief Sabine am 09.Februar lag in MV bei 104 km/h an der Station Hiddensee-Dornbusch. Ansonsten traten im ganzen Bundesland nur max. Böen der Stärke 10 auf. Fairerweise muss jedoch gesagt werden, dass „Sabine“ in West- und Süddeutschland stärker wütete und generell das gesamte Bundesgebiet betraf, während „Hanna“ sich quasi auf den äußersten Norden beschränkte. Auch die Entstehungsgeschichte der Zyklonen ist gänzlich verschieden, worauf jedoch an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll.


Am Freitag (13.März) beschäftigte uns nochmals ein kleines Randtief und sorgte für wechselhaftes und windiges Wetter. Anschließend sickerte ein Schwall polarer Kaltluft ein und bescherte uns eine frostige Nacht zum Sonnabend, welcher dann tagsüber mit Traum-Sonnenwetter entschädigte.

Einordnung der Winter anhand der Kältesumme

Das Winterhalbjahr 1995/96 kam in MV auf eine Kältesumme von knapp 376 K (= strenger Winter).
Bild: Die zugefrorene Ostsee vor Warnemünde im Februar 1996.

Die Kältesumme eines Winters oder Monats erhält man, indem man alle Beträge der negativen Tagesmittelwerte der Lufttemperatur aufsummiert. Sie gilt als Maß für die Strenge (Kälte) eines Winters und wird in der Regel für den Zeitraum vom 01.November bis 31.März gebildet. Teilweise treten jedoch auch im Oktober und April Tagesmitteltemperaturen im Minusbereich auf. Die Kältesumme wird ohne Einheit bzw. in K = Kelvin (entspricht hier der aufsummierten Grad Celsius-Zahl) angegeben.

Je höher der Wert ausfällt, desto „schwerer“, sprich eisiger und langandauernder verlief der Winter.

In diesem Beitrag blicken wir auf die Kältesumme im Gebietsmittel von Mecklenburg-Vorpommern seit dem Winter 1880/81.

Als kältester/strengster Winter geht nach Auswertung dieser Temperaturkategorie eindeutig 1939/1940 (612 K) hervor. Genauso steht dieser Vertreter auch bei der Mitteltemperatur an der Spitze der Kältehitliste.

Wirklich verblüffend ist jedoch, dass der mildeste Winter mit der kleinsten Kältesumme 1897/98 (17 K) auftrat und somit bereits sensationelle 122 Jahre in der Vergangenheit liegt.

Dieser Rekord wird nun aber getilgt werden, denn das Winterhalbjahr 2019/20 (endet am 31.März) steht kurz vor dem Abschluss und momentan im MV-Durchschnitt bei einer extrem niedrigen Kältesumme von 0,7 K. In den nächsten Wochen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Änderung zu erwarten, es bleibt bei recht milder Witterung. Einige Stationen erleben zum ersten Mal überhaupt eine „kalte Jahreszeit“ mit einer Kältesumme von 0,0.


In Klammern stehen die prozentualen Anteile der 5 Bereiche an der Gesamtanzahl von betrachteten Wintern (140) seit 1880/81 in Mecklenburg-Vorpommern.

Von den letzten 140 Wintern sind 55 im sehr milden Bereich mit einer Kältesumme unter 100 K einzuordnen. Dies ist somit die häufigste Kategorie in unserer Region. Kalte bis sehr strenge Winter machen zusammen nur 27,2 % aus.

Untersuchungen haben ergeben, dass eine nahezu völlige Vereisung der Ostsee bei einer Kältesumme von über 380 K (bezogen auf die Wetterbeobachtung in Rostock) eintritt. Solche extremen Eiswinter traten 1928/29, 1939/40, 1941/42, 1946/47, 1962/63 und 1969/70 auf.

Die Winter seit 1880, in denen ein Teil der Ostsee zufror (ab rund 300 K Kältesumme), waren 1890/91, 1892/93, 1940/41, 1978/79, 1984/85, 1986/87 und 1995/96.


Langjährige Mittelwerte der Kältesumme in M-V (Winterhalbjahr Okt.-März):

1901-1930: 148,0 K
1931-1960: 175,3 K
1961-1990: 176,5 K
1991-2020: 109,9 K
Gesamtzeitraum (1880-2020): 155,7 K