Tornadobeobachtungen aus Warnemünde- eine ungewöhnliche Statistik

Tornado auf der Ostsee vor Rügen am 23.08.2017,
Quelle: https://tornadoliste.de/170823ruegen.htm

Von den Wetterbeobachtern an der Wetterwarte Warnemünde sind in den vergangenen Jahrzehnten bereits mehrere Tornadosichtungen (meist Wasserhosen über der Ostsee) dokumentiert worden. Auch durch historische Schriften oder in der jüngeren Vergangenheit mittels Handyfotos und Videos konnten Tornados in der Region um Warnemünde bestätigt werden.

Hier alle bekannten Fälle aus Warnemünde:

Datum Stärke auf Fujita-Skala Uhrzeit Bemerkung
18.08.1885 W, F1 Gegen 08:30 Uhr 2 Fälle,
einer streifte Ort
19.08.1885 W 07:30 Uhr  
25.08.1885 W 09-10 Uhr  
19.06.1889 W morgens mehrere Fälle
20.09.1928 W unbekannt 2 Fälle
17.04.1952 F1 unbekannt  
06.09.1997 W 13-14 Uhr Beobachtung von Wetterwarte
05.09.2000 W unbekannt  
01.09.2003 W 11-12 Uhr Beobachtung von Wetterwarte
26.07.2005 W 21:25-21:30 Uhr  
16.09.2005 W ? 10:44-11:00 Uhr Verdacht
16.06.2008 W ? nach 22:00 Uhr Verdacht
26.05.2009 W ? 20:08 Uhr Verdacht
28.08.2010 W, F0 19:00-19:30 Uhr Mind. 2 Fälle,
einer zog bis auf
die Promenade
02.09.2010 W, F0 12:10-12:15 Uhr Zog westlich des Hotel Neptuns auf Land
12.05.2013 W ? 15:48 Uhr Verdacht
11.08.2013 W ? 14:00 Uhr Verdacht
10.09.2014 W 15:24-15:29 Uhr  
25.04.2016 W 07:10-07:16 Uhr  

W = Wasserhose
F0 = Windgeschwindigkeit unter 117 km/h (keine Orkanstärke)
F1 = Windgeschwindigkeit 117 bis 180 km/h, Tornados dieser Kategorie können bereits Bäume entwurzeln/ durchbrechen, Dächer beschädigen und Anhänger / Wohnmobile umwerfen

Quelle: Tornadoliste Deutschland => https://tornadoliste.de/


Bei den in Warnemünde aufgetretenen Tornados, meistens über der Ostsee beobachtet (selten mit Landgang), handelte es sich wohl nahezu ausschließlich um sogenannte Typ-II-Tornados. Die überwiegende Mehrheit aller Wasserhosen zählt zu dieser Kategorie. Zur Entstehung solcher „Ostsee-Tromben“ kommt es bevorzugt, wenn im Spätsommer/ Herbst in höheren Luftschichten sehr kalte Luft über dem noch sommerwarmen Meerwasser vorherrscht. Diese teils erheblichen Temperaturunterschiede zwischen der Höhe und der bodennah feuchtmilden Ostseeluft sind eine wichtige Voraussetzung. Man spricht von labiler Schichtung. Außerdem begünstigen eine windschwache Umgebung und kleinräumige Bodenwindkonvergenzen das Entstehen von Wasserhosen, welche meist nur eine Lebensdauer von einigen Minuten, selten bis zu einer Stunde aufweisen. Eine Gefahr geht insbesondere für kleine Schiffe und Boote aus, welche durchaus kentern können. Es sind einzelne solcher Unfälle auf Nord- und Ostsee, aber auch auf deutschen Binnenseen bekannt.

Eine Stärkeeinschätzung für Wasserhosen (Fujitaskala, F0 bis F5) ist übrigens nur möglich, wenn sie auf Land trifft. In der Regel hält sich das Schadensausmaß aber auch dann in Grenzen.

Ein prominentes Beispiel aus dem Rostocker Ostseebad ist der Tornado vom 28.08.2010. Dieser bildete sich am Rande eines Kaltluftgewitters über der Ostsee und zog dann über den Strand von Warnemünde bis auf die Promenade und löste sich auf Höhe Alter Strom schließlich auf. Viele im Internet veröffentlichte Amateurvideos zeigen das Schauspiel. Während am Strand lediglich Windfangzäune beschädigt wurden und Strandkörbe umkippten, zerstörte der Tornado auf der Promenade Zelte sowie eine Telefonzelle und umherfliegende Teile verletzten mehrere Menschen.

Außergewöhnlich muss auch das Wasserhosenereignis vom 19.Juni 1889 gewesen sein, wobei hier ein Bericht der Coburger Zeitung vom 22.06.1889 überliefert ist:

“ Am Mittwoch Morgen bot sich den Badegästen von Warnemünde, die rechtzeitig aufgestanden waren, ein eigenartiges Schauspiel dar. Wasserhosen zeigten sich in großer Zahl auf der See. Der Wind wehte aus West, und am nordöstlichen Himmel hing wie ein Vorhang schweres finsteres Gewölk. Aus dem Rande dieses Gewölkes senkten sich kegelförmige Zapfen zur See hinab, denen entgegen die See sich in wirbelnder Bewegung erhob. So entstanden säulenartige Gebilde, welche See und Wolke mit einander verbanden. Das untere Stück einer solchen Säule bildete ein Kegel, der mit der Spitze nach unten in rotierender Bewegung wie ein Kreisel auf der Oberfläche der See hinzugleiten schien. Die Säulen standen nicht immer senkrecht, sondern schienen häufig wie vom Winde hin und hergebogen. Eigenthümlich sah es aus, wenn zwei Wasserhosen aneinander vorbeigingen. Sie bewegten sich langsamer oder schneller in der Richtung von Westen nach Osten. Wenn eine Wasserhose sich wieder auflöste, verschwand der untere helle Theil in der See, der obere dunkle zog sich mit reißender Schnelligkeit und noch immer in wirbelnder Bewegung in das Gewölk zurück. Die ältesten Lootsen von Warnemünde hatten so viele Wasserhosen auf einmal noch nie gesehen. Sonst wußten sie Manches von dieser Naturerscheinung zu erzählen. So ein Ding sei nicht ungefährlich. Wenn ein kleines Fahrzeug dahineingeriethe, wäre es unbedingt verloren, aber auch einem großem Schiff könnten davon die Masten abgedreht werden. An demselben Tage fiel über Warnemünde der erste etwas ausgiebige Regen seit vielen Wochen.“

Nun sind natürlich sehr wahrscheinlich noch deutlich mehr Tornados in den letzten 100 bis 200 Jahren über der Ostsee vor Warnemünde (oder womöglich auch im Ort) aufgetreten, als in der oben aufgeführten Liste stehen. Viele Fälle stammen aus den letzten Jahren und liegen nicht weit in der Vergangenheit. Das liegt vor allem daran, dass heute fast jeder die Möglichkeit hat schnell das Smartphone oder die Fotokamera zu zücken und somit die Dokumentation viel leichter und unkomplizierter ist.

Die jährliche Anzahl beobachteter Wasserhosen an unseren deutschen Küsten schwankt stark. Wenn sich günstige Wetterlagen im August oder September einstellen, und dies nach einem sehr warmen Sommer mit hohen Wassertemperaturen, können über 50 Fälle registriert werden. Besonders extrem war das Jahr 2006 mit 64 bestätigten Tornados über Wasser und einer hohen Dunkelziffer.

Zum Abschluss noch eine kleine Begriffskunde: Die Begriffe Tornado und Windhose sind Synonyme und beschreiben das gleiche Wetterphänomen, wobei Meteorologen „Windhose“ ungern verwenden, da es verniedlichend wirkt. Wasserhosen sind Tornados, die über einer größeren Wasserfläche wie einem Meer oder See auftreten. Die in den Medien gerne formulierte Beschreibung „Mini-Tornado“ ist Blödsinn. Tornados können in Europa genauso stark sein, wie in den Vereinigten Staaten.


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