Wetter- und Klimastation Kirchdorf auf Poel

Kirchdorf ist ein Hafenort auf der Ostseeinsel Poel (LK Nordwestmecklenburg) und hat etwa 2000 Einwohner. Der Ort befindet sich etwa 11 km nördlich der Hansestadt Wismar am Nordufer des Kirchsees, einer weit in die Insel Poel einschneidenden Bucht der Ostsee.
Poel ist über einen Damm mit dem Festland verbunden und aufgrund der geringen Entfernungen zum Hinterland sowohl in südlicher wie östlicher und westlicher Richtung vergleichsweise häufig von kontinentalen Luftmassen geprägt.

Die Wetteraufzeichnungen in Kirchdorf auf Poel begannen bereits im September 1852. Somit handelt es sich um eine der ältesten Stationen Mecklenburg-Vorpommerns, nur in Rostock (1832) und Schwerin (1849) liegen die ersten Beobachtungen noch länger zurück. Zudem weisen in MV auch die Klimastationen Putbus (Rügen) und Marnitz bei Parchim über 150-jährige Beobachtungsreihen auf.
Kurz nachdem das Königlich Preußische Meteorologische Institut 1847 in Berlin gegründet wurde (von Alexander von Humboldt), erfolgte die Einrichtung der meteorologischen Station in Kirchdorf am 01.09.1852 im Poeler Pfarrhaus. Das Messprogramm umfasste zunächst Temperatur, Niederschlag und Luftdruck. 1887 erfolgte die Aufstockung der Messgeräte durch eine Fensterhütte mit mehreren Thermometern, Barometern, Haarhygrometern und einer Windfahne. 1902 kam es dann zur Verlegung der Station in die Küsterei (heutiges Heimatmuseum). Damit verbunden war die Aufstellung der klassischen englischen Wetterhütte. Darunter versteht man einen Lamellen-Kasten aus Holz, in welchem Temperatur- und Feuchteregistrierungen erfolgen. Strahlungsschutz und Ventilation sind somit gegeben.

Zehn Jahre später gab es eine weitere Stationsverlegung innerhalb Kirchdorfs in den Postgarten. Im Jahre 1945, nach Kriegsende, brach die lange Poeler Beobachtungsreihe zunächst ab.

Im Oktober 1946 wurden die Niederschlagsmessungen jedoch wieder aufgenommen. Die Suche nach einem passenden Standort für eine Klimastation 3. Ordnung erwies sich als schwierig. Letztendlich wurde die Station dann auf einem großen Gartengrundstück in der Schulstraße errichtet und ab 01.08.1955 liegen wieder vollständige Beobachtungen und Messungen vor. Seitdem hat es keine Stationsverlegungen mehr gegeben.
Am 25.09.2002 fand anlässlich des 150jährigen Jubiläums der Klimastation Kirchdorf eine Feierstunde statt. Zehn ehrenamtliche Beobachter haben seit 1852 die Wetterdaten gesammelt und somit diese wertvolle Messreihe ermöglicht.
Zum Juli 2004 erfolgte die Umstellung auf automatischen Betrieb durch die Ausstattung der Station mit dem PT 100 (Lufttemperatur) und Pluvio zur Niederschlagsmessung. Bis dahin mussten vom Wetterbeobachter morgens, nachmittags und abends zu festgesetzten Zeiten verschiedene Werte abgelesen werden. Regen und Schnee wurden in einem Niederschlagsmesser aufgefangen, weiterhin gehörten Angaben zur Windstärke, Wolkendichte, Bodenbeschaffenheit sowie Nebel, Tau, Reif, Gewitter usw. zum Programm. Dem Wetteramt Warnemünde wurde dann eine Zusammenstellung aller Daten gesandt, welche zu wissenschaftlichen Auswertungen auch an die Hauptwetterdienststelle Potsdam ging.

Stationsstandort/Bilder:

Die Station befindet sich auf 12 m ü NN am nordwestlichen Ortsrand von Kirchdorf auf einem großen Gartengrundstück etwa 2 km von der Ostsee entfernt.
Unmittelbar östlich des Messfeldes stehen recht hohe Bäume, wie auf den Luftbildern schon zu erahnen war. Hier ist der Abstand ungewöhnlich gering. Gerade bei südöstlicher Windrichtung steht der Temperaturmesser sehr geschützt, sodass sich die Wärme stauen kann. Deshalb ist eine Homogenität der Messreihe nicht gegeben, die steigenden Temperaturwerte sind teilweise den im Laufe der Jahre veränderten Umgebungsbedingungen geschuldet.

Gemessen wird hier das Wst-III-Standardprogramm (Lufttemperatur in 2 m + 5 cm über Erdboden, Luftfeuchte und Niederschlag). Im Winterhalbjahr wird durch eine ehrenamtliche Beobachterin die Schneehöhe ermittelt.

Klima/Extremwerte:
Rekordwerte der Station (seit 1852):
Wärmstes Jahr: 10,6°C 2014
Kältestes Jahr: 6,0°C 1864
Wärmster Monat: 21,9°C im Juli 2006
Kältester Monat: -10,0 °C im Februar 1929
Maximale Temperatur: 37,1 °C am 31.07.2018 und 36,6°C am 07.08.2018* => um 1 bis 1,5 K zu hoch / 35,9°C am 09.08.1992
Minimale Temperatur: -27,8 °C am 18.01.1893
Maximaler Niederschlag Tag: 96,6 mm am 09.06.1950
Maximaler Niederschlag Monat: 229,3 mm im August 1963
Maximaler Niederschlag Jahr: 845,0 mm im Jahr 2002
Minimaler Niederschlag Jahr: 379 mm im Jahr 1971
Maximale Schneehöhe: 49 cm im Februar 1940

Langjährige Mittelwerte Temperatur
1901-1950: Jahresmittel von 8,2°C
1951-1980: Jahresmittel von 8,5°C
1981-2010: Jahresmittel von 8,9°C
Langjährige Mittelwerte Niederschlag: 1961-1990 571,0 mm

Presseartikel zur Poeler Wetterbeobachtung:

file:///D:/Downloads/PIB_303_Januar_2016%20(5).pdf

https://www.ostsee-zeitung.de/Mecklenburg/Wismar/Poelerin-lebt-fuer-das-Wetter

Schneefall am 13./14.Oktober 2002

Winterliche Wetterkapriolen überraschten die Menschen im Osten Deutschlands Mitte Oktober 2002.

Ein kräftiges skandinavisches Hochdruckgebiet zapfte für die Jahreszeit ungewöhnlich kalte Luft aus Osteuropa an, welche sich dort zuvor angesammelt hatte. Mit östlicher Grundströmung wurde diese über Landweg bis nach Deutschland geführt. Von Westen rückten nun erste Tiefs an und schickten ihre Fronten voraus in die Kaltluft. Bei Höhenluft von -5°C in 850 hPa/1,5 km und andauerndem Ost/Südostwind fielen die Niederschläge entlang der Luftmassengrenze bis in tiefste Lagen in Sachsen, Brandenburg/Berlin und Mecklenburg-Vorpommern als Schneeregen oder reiner Schneefall.

Die weiße Pracht war bei Temperaturen um oder knapp über dem Gefrierpunkt nass und schwer, sodass es lokal gar zu umstürzenden Bäumen kam, welche zu dieser Zeit teilweise noch voll belaubt waren. Selbst direkt an der Ostsee konnten ab den Abendstunden des 13.Oktober bei ablandiger kontinentaler Windströmung Schneeflocken beobachtet werden. Die seit Juli 1946 bestehende Warnemünder Wetterwarte verzeichnete an diesem Tag das früheste Schneefallereignis.

Im Binnenland überzog eine geschlossene Schneedecke die Landschaft. In Carpin-Serrahn (71 m) bei Neustrelitz meldete der ehrenamtliche Beobachter zum Klimatermin am 14.10.2002 eine Schneehöhe von 8 cm. Auf der Insel Rügen bildete sich ebenfalls eine dünne weiße Schicht auf Straßen und Feldern. Es sind nicht viele derart frühe Wintereinbrüche mit Schneefällen in den letzten 150 Jahren bekannt. Auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern ist mit dem 11./12.10.1919 nur ein früheres Ereignis mit Ausbildung einer Schneedecke in den Klimastatistiken verzeichnet.

Am Morgen des 14.10.2002 um 08 Uhr war der Schnee teilweise bereits wieder geschmolzen, im Bereich Meckl. Seenplatte lagen noch bis zu 8 cm.
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/schneehoehen-tag/20021014-0600z.html

Außergewöhnlich waren auch die niedrigen Lufttemperaturen am Tage des 13. und 14.Oktober 2002. Bei dichter Bewölkung, fehlender Sonnenstrahlung/geringer Globalstrahlung und zusätzlich Niederschlagsabkühlung stiegen die Werte gegenüber der Nacht kaum an und lagen beispielsweise zur Mittagszeit am 13.10. in der Müritzregion nur bei 0 bis 1°C. Selbst mitten am Tag konnte so der Schneefall liegenbleiben, besonders Richtung Brandenburg/Berlin und Sachsen.

Temp.-Messwerte am 13.10.2002 um 14 Uhr- Im Süden von MV schneite es bei lokal nur 0,5°C (Marniz bei Parchim).
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/temperatur/20021013-1200z.html

In den Folgetagen erreichte übrigens rasch deutlich mildere Luft den Nordosten. Am 16.10.2002 wurden bis zu 16°C im südlichen Mecklenburg gemessen und nichts erinnerte mehr an das verfrühte Winterintermezzo.

Niederschlagsentwicklung in MV seit 1881

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Auswertung zahlreicher Niederschlags-Mittelwerte des Deutschen Wetterdienstes für Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem erfolgt eine entsprechende Visualisierung in verschiedenen Grafiken. Betrachtet wird der Zeitraum seit 1881, der DWD schreibt zu den Gebietsmittelwerten:

Das Messnetz in Deutschland ist für die Temperatur und die Niederschlagshöhe seit Ende des 19. Jahrhunderts dicht genug, um Rasterfelder für die einzelnen Monate und daraus abgeleitete Mittelwerte zu gewinnen, sodass sich entsprechende Zeitreihendiagramme seit 1881 erstellen ließen.“

Spannend ist sicherlich die Frage: Gibt es einen Trend zu mehr Trockenheit/ Dürrejahren?  Schon auf den ersten Blick lässt sich aus den Diagrammen ableiten, dass keine klare Tendenz Richtung „trockener“ oder „nasser“ vorliegt. Auffällig ist zudem, dass schon immer eine große Variabilität vorherrschte. Die Niederschlagsausbeute schwankt von Jahr zu Jahr stark.

Viel wird über die extreme Trockensituation diskutiert, welche im Sommer 2018 ihren Ausgangspunkt hatte und auch im Verlauf diesen Jahres nicht ausreichend kompensiert werden konnte. In Vergessenheit geraten ist wohl bereits, dass 2017 der sechstnasseste Sommer in der Reihe seit 1881 war und zudem noch ein extrem niederschlagsreicher Oktober folgte, in welchem die A20 bei Tribsees nach Regentief Xavier wegbrach und selbst Anfang April 2018 in Folge der Osterschneefälle viele Äcker unter Wasser standen und mit landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen gar nicht befahren werden konnten. Danach kam die Dürre, doch wäre es nun nicht zu leicht, diese einfach dem Klimawandel in die Schuhe zu schieben? Wetter ist nicht gleich Klima! Ein einzelnes Wetterereignis kann nicht per se einer Klimaveränderung zugeschrieben werden. Dafür müssen mehrere Jahrzehnte ausgewertet werden, erst dann sind eindeutige Trends festzustellen.

Unbestritten ist, dass wir auch im Sommer 2019 eine große Trockenheit in vielen Teilen Deutschlands hatten, die 2018 auch einige Dürrerekorde seit Beginn der Wetteraufzeichnungen brachte. Doch niemand weiß, ob in den nächsten Monaten bereits ergiebige Regenfälle und Hochwasser auf uns zukommen oder drei nasse Sommer in Folge bevorstehen.

Noch ein paar wichtige Hinweise zur Deutung und Interpretation der Grafiken:

Es handelt sich um Gebietsmittel, somit können diese Daten nicht auf einzelne Orte/Regionen in Mecklenburg-Vorpommern übertragen werden. Lokal kann es natürlich deutlich nasser oder trockener gewesen sein, zumal Niederschläge manchmal örtlich eng begrenzt auftreten. Schon ein Sommergewitter kann punktuell enorme Regenmengen bringen, während einige Kilometer entfernt kaum ein Tropfen fällt.

Bezüglich des Gebietsmittels muss man sich vorstellen, dass der Niederschlag über ganz MV in einem Jahr/Jahreszeit geglättet wird und einzelne Extremereignisse, sowohl nach unten als auch nach oben, herausfallen. Das ist genau der richtige Weg, um Trends zu erkennen, ob es insgesamt trockener oder nasser wird.

Außerdem ist zu beachten, dass aus den Kriegsjahren teils nur wenige Messwerte vorliegen und deshalb das Landesmittel vereinzelt nicht sonderlich repräsentativ ist, beispielsweise wenn keine Stationsmeldungen aus einer niederschlagsreichen Region eingingen.

In allen folgenden Hitlisten wurden die Jahre ab 1990 orange eingefärbt, um einen möglichen Trend in den vergangenen Jahrzehnten zu sehen.

Jahresniederschlag im MV-Mittel seit 1881

Quelle: https://wetterkanal.kachelmannwetter.com/niederschlagsentwicklung-in-deutschland-seit-1881/

Hitliste der Jahre – Top 20 seit 1881

Während sich bei der Temperaturentwicklung ein klarer Erwärmungstrend zeigt, ist ein Trend beim Niederschlag nicht zu erkennen. Es finden sich seit 1990 vier Jahre unter den 20 trockensten Jahren und sogar acht Jahre unter den 20 nassesten Jahren. Es gab also seit 1990 sogar mehr sehr nasse Jahre als sehr trockene Jahre. Ein Trend zu Dürrejahren gibt es also (bisher) absolut nicht.

Quelle: https://wetterkanal.kachelmannwetter.com/niederschlagsentwicklung-in-deutschland-seit-1881/

Niederschlag im MV-Mittel seit 1881 – Jahreszeiten

  • März, April Mai = Frühling
  • Juni, Juli, August = Sommer
  • September, Oktober, November = Herbst
  • Dezember, Januar, Februar = Winter

Hitliste der Jahreszeiten – Top 20 seit 1881

In der folgenden Liste sind aus allen Jahreszeiten jeweils die trockensten Jahreszeiten und die nassesten Jahreszeiten seit Messbeginn 1881 herausgefiltert worden. Es zeigt sich ein ähnliches Bild wie beim Jahresniederschlag. Näher sei beispielhaft auf den Winter und Frühling eingegangen: Bei Ersterem fällt durchaus eine Häufung nasser Vertreter auf. Dies wäre eine logische Folge, denn milde Winter (westliches Strömungsmuster, Tiefdruckaktivität) bringen oft mehr Niederschlag als Kaltwinter (kontinentale Luftmassen, Hochdruck). Der Frühling ist die einzige Jahreszeit, welche in den letzten 20 Jahren häufiger sehr trocken als deutlich zu nass ausfiel. Dies liegt besonders am Monat April, welcher zuletzt auffällig oft ein beachtliches Niederschlagsdefizit aufwies.

Quelle: https://wetterkanal.kachelmannwetter.com/niederschlagsentwicklung-in-deutschland-seit-1881/

Erster Frost und Lake-Effekt an der Ostsee

Samstagfrüh (05.10.19) in Warnemünde: Über der offenen See entwickeln sich kräftige Regenschauer, an Land ist der Himmel frei von Cumulus-Gewölk.

Zum ersten Oktoberwochenende stellte sich eine nordöstliche Strömung ein, mit welcher Luftmassen polaren Ursprungs nach Mecklenburg-Vorpommern geleitet wurden. Die Temperaturen erreichen tagsüber nur noch 10 bis 12°C und lagen somit etwa 3 bis 4°C unterhalb des Klimamittels der Periode 1961-1990. In der Nacht zum Sonntag sanken die Tiefstwerte in 2m Messhöhe zum ersten Mal in diesem Herbst unter die 0-Grad-Marke. Am Flugplatz Barth in Nordvorpommern (typisches Kälteloch) zeigte der elektronische Messfühler Luftfrost bis -1,9°C an.

Auch direkt an der Ostseeküste trat bei schwachem ablandigem Wind zumindest Bodenfrost auf. An der DWD-Station in Warnemünde ist der Messwert von -0,4°C in 5cm über Dünensand sogar gleichbedeutend mit dem drittfrühesten Bodenfrosttag in der Messreihe seit 1947.

Früheste Bodenfrosttage (Tmin 5cm < 0,0°C)- Warnemünde seit 1947

03.10.1947 -1,6°C
04.10.1947 -0,9°C
06.10.1959 -1,5°C / 06.10.2019 -0,4°C

Mit dem Einsickern der Kaltluft kam ein bekannter meteorologischer Effekt zum Tragen. Gemeint ist der sogenannte „Lake-Effekt“. Ursprünglich stammt der Begriff aus den USA und steht in Zusammenhang mit heftigen Schneefällen, die an den Großen Seen (Great Lakes) ausgelöst werden. Das Grundprinzip ist an den deutschen Küsten dasselbe: Kalte Luft, besonders in höheren Luftschichten, strömt mit nordöstlichen bis östlichen Winden über das mit 12 bis 14°C (aktuelle Daten) vergleichsweise warme Oberflächenwasser der Ostsee. Durch die großen vertikalen Temperaturunterschiede (in 5,5 km Höhe bis -30°C am gestrigen Samstag) resultiert eine labile Schichtung. Die grundsätzlich trockene Kontinentalluft nimmt bei ihrem langen Weg über die Ostsee außerdem viel Feuchte auf. Letztendlich äußert sich der Lake-Effekt durch strichweise angeordnete Schauerbänder, die lokal eng begrenzt große Niederschlagsmengen an der Küste bringen können.

Strichweise ordnen sich die Schauer an und ziehen dann gen Küste.
Quelle (bearbeitet): https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/mecklenburg-vorpommern/20191005-0750z.html
Zwei Niederschlagsschwerpunkte durch den Lake-Effekt.
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/regensummen/mecklenburg-vorpommern/niederschlagssumme-6std/20191005-1250z.html

Aktuell ist die Luft noch zu mild und es fällt Regen, im Winter können unwetterartige Neuschneemengen zusammenkommen und erhebliche Schneeverwehungen auftreten. An der deutschen Ostseeküste bilden sich üblicherweise, so war es auch gestern am 05.10., zwei markante Schauerstraßen aus: Eine besonders Intensive verläuft in der Mecklenburger und Lübecker Bucht und tangiert Ostholstein, Lübeck sowie den Klützer Winkel in Nordwestmecklenburg. Eine zweite beginnt südlich der dänischen Insel Bornholm und landet an der Küste von Usedom bzw. am Greifswalder Bodden an und reicht in Abhängigkeit von der Windgeschwindigkeit meist einige Kilometer ins Landesinnere hinein.

Je nach Windrichtung (N bis O) können prinzipiell aber alle Küstenabschnitte betroffen sein.

Ein prominentes Beispiel eines winterlichen Lake-Effekts war das Ereignis vom 29./30.November 2010, als Ostholstein und der Kreis Segeberg mit 30 bis 50 cm Neuschnee zu kämpfen hatten. Das öffentliche Leben kam teils zum Erliegen, Schulen blieben geschlossen. Der intensive Kaltlufteinbruch aus O/NO erreichte die Region damals sehr früh, zu einer Zeit, als die Ostsee noch „lauwarm“ war und die Quellwolken- und Niederschlagsbildung erheblich verstärken konnte.

Im Januar 1987 versanken große Teile der Ostseeküste und des angrenzenden Binnenlandes in den Schneemassen. In Warnemünde ermittelten die Wetterbeobachter am 14.01.1987 eine mittlere Schneehöhe von 55 cm.

Rückblick: Sturm Mortimer in MV

Der zweite Herbststurm der Saison ist am Montag von West nach Ost über Mecklenburg-Vorpommern hinweg gezogen. Begleitet wurde das Tief von kräftigen Regenfällen, streckenweise fielen über 30 l/m² in 24 Stunden. Die Spitzenwindgeschwindigkeit verzeichnete die Wetterstation Hiddensee-Dornbusch mit 111 km/h (Bft 11). Abgesehen von diesem üblichen Verdächtigen, der Windmast ist auf dem Leuchtturm des rund 70 m hohen Dornbusch montiert, führten Stationen an der mecklenburgischen Küste die Hitliste an. In Heiligendamm wurden schwere Sturmböen bis 98 km/h gemessen. Im Binnenland lag der Höchstwert bei 94 km/h (Sukow-Levitzow nahe Teterow). Insgesamt kam die Region damit glimpflich davon, noch tags zuvor am Sonntag berechneten zahlreiche Wettermodelle auch einzelne orkanartige Böen um 110 km/h abseits der Küste.

Verkehrsbehinderungen durch umgestürzte Bäume und abgerissene Äste traten erwartungsgemäß trotzdem in vielen Landesteilen auf. Lokal fiel im Landkreis Rostock kurzzeitig der Strom aus. Auf einigen Fährlinien wurde vorsichtshalber der Betrieb eingestellt, der Rostocker Zoo ging auf „Nummer sicher“ und blieb geschlossen.


Strand von Warnemünde- gegen 17:45 Uhr.
Böen 70-80 km/h (Bft 8-9) zum Aufnahmezeitpunkt.

Radaranimation Vormittag

Kräftige schauerartige Regenfälle im Bereich des Tiefkerns verlagerten sich zum Mittag von Mecklenburg nach Vorpommern. An der niederschlagsreichsten Station des Landes in Friedland summierten sich innerhalb von 12 Stunden 33 l/m².

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/mecklenburg-vorpommern/20190930-0800z.html#play2

Zum Nachmittag stellte sich nach Abzug des Tiefs in labiler Luftmasse typisches Rückseitenschauerwetter ein. Besonders entlang der Ostseeküste traten auch sonnige und längere trockene Abschnitte auf, wobei der Gradient nur langsam auffächerte und direkt an der Küste bis zum Abend weitere Sturmböen gemessen wurden.

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/mecklenburg-vorpommern/20190930-1345z.html

Windspitzen Mecklenburg-Vorpommern (DWD-Stationen)

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/windboeen-6h/20190930-1200z.html

Sturm MORTIMER kommt am Montag früh

Ein kräftiges Tiefdruckgebiet verlagert sich momentan rasch von den Britischen Inseln und der südlichen Nordsee weiter nach Westen und erfasst in den Frühstunden des Montags auch Mecklenburg-Vorpommern. Je nach genauer Lage des kleinräumigen Tiefs, ist eher die mecklenburgische Küste oder das südliche Binnenland von den stärksten Böen aus Richtung Nordwest betroffen. Diese können während des Höhepunkts (dauert nur etwa 1 bis 2 Sunden, in der Karte verzeichnet) durchaus 90 bis 100 km/h, vereinzelt an der Ostsee und während kräftiger Niederschläge und Gewitter sogar bis 115 km/h erreichen. In manchen hochauflösenden Wettermodellen sind gar Orkanböen über 120 km/h berechnet worden. Gänzlich auszuschließen ist das nicht.

So oder so sind bei solchen Windgeschwindigkeiten um diese Jahreszeit morgen Verkehrsbehinderungen durch umstürzende Bäume wahrscheinlich.

Die Farbwahl dient nur der Visualisierung (dunkelrot bedeutet also nicht Weltuntergang oder Extremunwetter). Zudem ist der Ablauf noch nicht ganz sicher, möglicherweise verschiebt sich die Zone der stärksten Böen weiter in die Landesmitte oder nach Süden (hellroter Bereich).

Der rekordkalte September 1912

Vor 107 Jahren erlebte Deutschland und auch Mecklenburg-Vorpommern einen außerordentlich kühlen Septembermonat. Die Mitteltemperaturen an den Wetterstationen lagen verbreitet 3 bis 4 Grad unter dem international gültigen Klimamittel der Periode 1961-1990 und es gab keinen einzigen warmen Tag mit Tagesmaxima von mindestens 20,0°C. Der Landeshöchstwert betrug lediglich 18,3°C (Greifswald).

Wie ist diese Kälte zustande gekommen?

In der ersten Monatshälfte bewegte sich ein Hochdruckgebiet vom Ostatlantik zu den Britischen Inseln, gleichzeitig befanden sich Tiefs über Skandinavien, womit uns in einer nördlichen Strömung polare Meeresluft erreichte. In der zweiten Monatshälfte etablierte sich dann – ganz ähnlich wie übrigens 2008- ein umfangreiches Hochdruckgebiet über dem Norden Europas. Die Folge war mit nordöstlicher Strömung ein frühzeitiger Einzug des Herbstes mit ersten Nachtfrösten. Die Ostsee wies nach einem ebenfalls deutlich unterdurchschnittlich temperierten August außerdem keine hohen Wassertemperaturen auf, sodass der Kälteeinbruch trotz des langen Weges der Luftmassen über das Meer nur wenig abgemildert werden konnte.

Vermutet wird, dass der kühle Sommer 1912 mit dem Höhepunkt eines sehr kühlen Septembers mit dem Ausbruch des Vulkans Katmai (Alaska) am 6. Juni 1912 in Zusammenhang steht.

Randnotiz: Der „Tiefpunkt“ war der 03.Oktober 1912. An diesem Tag registrierten die Wetterwarten Güstrow, Greifswald und Swinemünde sogar Schneeflocken im Niederschlag. Es ist bis heute der Rekord für den frühesten Schneefall in Mecklenburg-Vorpommern.

Monatsmittel Sept. 1912 MV-Stationen (Abw. zum Klimamittel 1961-90)

11,1°C Ostseebad Wustrow ( —)
11,0°C Kloster/Hiddensee (-2,9 K)
10,8°C Warnemünde (-3,1 K)
10,6°C Kirchdorf/Poel (-3,0 K)
10,5°C Greifswald (-2,9 K)
10,3°C Putbus/Rügen (-3,0 K)
9,9°C Schwerin (-3,6 K)
9,9°C Waren (Müritz) (-3,5 K)
9,6°C Güstrow (-3,8 K)
9,5°C Marnitz (-3,8 K)
9,4°C Neustrelitz (-3,5 K)
9,3°C Dömitz/Elbe (-4,1 K)

Zum Vergleich: Die Mitteltemperaturen des aktuellen Septembermonats 2019 liegen je nach Station innerhalb von MV zwischen 13,8°C und 15,6°C (+0,5 bis +1,5 K ggü 1961-1990). Dies verdeutlicht, wie frisch es im 1912er September gewesen sein muss.

Beispiel Klimastation Kirchdorf auf Poel:

Hitliste kälteste Septembermonate (seit 1852)

10,6 °C 1912
11,1 °C 1894
11,2 °C 1902
11,3 °C 1986
11,6 °C 1889