Viel Frost im Frühling 2020

Anzahl der Frosttage im Frühling (seit 1967) an der Wetterstation Groß Lüsewitz südöstlich von Rostock
Der Frühling 2020 hat mit 32 das langjährige Mittel von 20,8 Frosttagen deutlich überschritten.

Seit Beginn des meteorologischen Frühlings, oder besser gesagt des Statistikfrühlings (März, April, Mai), hat es überdurchschnittlich häufig Frost gegeben. Zu dieser Erkenntnis gelangt man auch, wenn man das „alte“ Klimamittel der Periode 1961-1990 heranzieht.

Eine Gegenüberstellung der Anzahl der Frosttage im Winter 2019/20 und im Frühling 2020 (Stand: 16.05.) für ausgewählte Stationen aus M-V:

StationFrosttage WinterFrosttage Frühling
Tribsees1736
Barth / Flugplatz2036
Groß Lüsewitz1832
Steinhagen-Negast2028
Schwerin1114
Waren / Müritz1512
Warnemünde43

Die Tabelle lässt wie folgt interpretieren: Ländliche Stationen wie Tribsees, Groß Lüsewitz oder Barth, häufig in Senken oder Muldenlagen (typische Kältelöcher) gelegen, haben deutlich mehr Tage mit Minusgraden im Frühlingszeitraum seit 01.März registriert. An der Messstelle Tribsees sind mittlerweile sogar mehr als doppelt so viele Frosttage als im Winter aufgetreten. Dies allein stellt ein absolutes Ausnahmeereignis dar.

Übrigens liegt regional das Minimum der Lufttemperatur im aktuellen Mai 2020 tiefer als im Wintermonat Februar 2020.

Abb 1 Frosttage Februar 2020 vs Mai 2020 (bis 16.05.)

Zurück zum begonnenen Winter=>Frühling-Vergleich. Denn es gibt auch komplett gegensätzliche Fälle: In Waren an der Müritz liegt der Winter mit 15 Frosttagen vorne. Auch an vielen Küstenstationen, in der Auflistung beispielhaft Warnemünde, fällt der Frühling nicht als frostiger Geselle auf.

Wie passen diese Unterschiede zusammen?

Der nächtliche Frost in den letzten Wochen und Monaten war an starke Ausstrahlung während Hochdruckwetterlagen gekoppelt. Hierbei spielt der Faktor Wärmekapazität des Untergrundes eine große Rolle. Diese ist bei versiegelten/bebauten Flächen und über Ostsee/ Seen hoch, sodass kaum gefürchtete Spätfroste in Städten und an der Küste (zumindest bei auflandigem Wind) auftreten. Über Wiesen, Feldern etc. tritt in klaren und windschwachen Nächten nach dem Einströmen polarer trockener Kaltluft auch im Mai noch ziemlich rasch Luft- zumindest aber Bodenfrost auf. Dieser kann aber nicht advektiv in städtische Räume oder höhere Lagen (welche aus der bodennahen Kaltluftschicht herausragen) „getragen“ werden, denn Wind würde die Luftmassen durchmischen und die Auskühlung hemmen.

Deshalb sammeln vor allem Stationen in ländlichen Regionen im April und Mai bei entsprechender Wetterlage noch Frosttage, im Winter sind die Unterschiede meist geringer, denn z.B. kann dann auch in feuchter Luft bei kalter Luftmasse rasch Frost in den Nächten auftreten.

Grundsätzlich werden späte Frost- oder Schneefallereignisse in Zeiten der Klimaerwärmung nicht seltener. Wenn eingeflossene Arktisluft unter Hochdruckeinfluss zur Ruhe kommt, dann ist besonders nach längeren Trockenperioden (aktuell seit Mitte März) in der heutzutage saubereren und schadstoffärmeren Luft eine stärkere Auskühlung möglich als es früher innerhalb der SO2-haltigen Luft der Fall war.


Exkurs SO2

„Schwefeldioxid entsteht hauptsächlich bei der Verbrennung schwefelhaltiger Brennstoffe. Seit 1990 sind die Emissionen um über 90 Prozent gesunken, vor allem durch technische Maßnahmen sowie den Einsatz schwefelarmer Brennstoffe. Von 1990 bis 2017 ist ein Rückgang der Schwefeldioxid-Emissionen (SO2) von 5,5 auf nur 0,32 Millionen Tonnen (Mio. t) zu verzeichnen.“

Quelle: Umweltbundesamt / https://www.umweltbundesamt.de/daten/luft/luftschadstoff-emissionen-in-deutschland/schwefeldioxid-emissionen


Eine hohe Bodenfeuchte wirkt zudem stärkerer nächtlicher Auskühlung entgegen, sodass kurioserweise gerade in Wärme- bzw Hitzesommern örtliche Bodenfröste aufgetreten sind (z.B. im August 1995, Anfang September 2003 oder Anfang Juli 2018).

Auch die statistisch nachweisbare deutliche Abnahme von Nebeltagen und Erhöhung der mittleren Sichtweite zeigt, dass die Luft „besser“ geworden ist. Auch die Überlegung, dass die Winter wärmer geworden sind und die Häufigkeit nebelfreundlicher Tage mit günstigen Bedingungen abnimmt, kann hier getätigt werden.

Allerdings haben Untersuchungen gezeigt, dass die Sichtweiten bei gleicher Wetterlage heutzutage wesentlich größer als früher sind (Vergleich z.B. mit 1960er-Jahren).

Abb 2 Entwicklung der mittleren Sichtweite in Berlin-Dahlem von 1955 bis 2019

„Die Sichtweite ist in Berlin von Werten knapp unter 10 km Ende der 1950er/Anfang der 1960er auf über 25 km angestiegen, in 2018+2019 waren es erstmals über 30 km im Jahresmittel.“
Quelle und Grafik: Jörg Wichmann / http://www.wzforum.de/forum2/read.php?2,3806351,3806932#msg-3806932

Bestätigter Tornado am 29.04.2020 in Lübtheen

Dieser Bericht blickt auf einen Tornado im südwestlichen Mecklenburg zurück, welcher sich Ende April 2020 ereignet hat. Durch Vor-Ort-Untersuchungen konnte der Fall im Nachhinein bestätigt werden und soll nun Gegenstand dieser Analyse sein:

Der schwache F1-Tornado (F1= zweite Stufe auf der Fujitaskala) bildete sich am Mittwochabend des 29.April kurz vor 19:45 Uhr westlich der Kleinstadt Lübtheen. Das Radar zeigte zum Zeitpunkt der Entstehung eine unauffällige, nicht gewittrige Schauerzelle mit einem intensiven Niederschlagskern. Dieses Echo scherte etwas nach O/SO aus und bekam eine Drehbewegung, während die restlichen schauerartigen Niederschläge im Umfeld eine einheitliche SW=>NO-Zugrichtung aufwiesen.

Abb. 1 Radar HD-Bild vom 29.04.2020 / 19:35 Uhr

Der Pfeil markiert die Schauerzelle, an welcher etwa 8-10 Min später der Tornado entstand.
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/lueneburg/20200429-1735z.html

Zudem lag eine Bodenwindkonvergenz vor. In einem schwachgradientigen Umfeld strömten schwache SO-Winde auf ebenfalls kaum messbare SW-Winde (BFT 1-2). Die vertikale Windscherung zwischen Boden und 1 km Höhe betrug gegen 19 Uhr im LK Ludwigslust-Parchim fast 35 Kn. Je größer die Windscherung zwischen verschiedenen Luftschichten (Änderung des Windes in Richtung und Stärke), desto erhöhter ist die Tornadogefahr. Die Luftmasse war außerdem sehr feucht. Keine schlechten Ausgangsbedingungen für „tornadische Bemühungen“.

Am Stadtrand von Lübtheen erreichte der sich bildende Tornadotrichter den Erdboden und wirbelte Staub von den landwirtschaftlich genutzten und sehr trockenen Flächen auf. Dadurch wurde der Tornado weithin sichtbar, sodass viele Menschen auf das Phänomen aufmerksam wurden und die Feuerwehr informierten. Es bestand die Vermutung eines Brandes. Die Freiwillige Feuerwehr Lübtheen konnte jedoch nur noch Sturmschäden feststellen. Abgerissene Dachziegel, dicke Äste auf Straßen und Wegen sowie ein schwer beschädigter Carport zählten dazu. Doch war wirklich ein Tornado dafür verantwortlich oder wüteten hier Fallböen (Downburst) bzw. ein Böenfrontwirbel (Gustnado)?

Abb. 2: Die Zugbahn des Tornados (von W nach O) quer durch Lübtheen

Mitglieder des „WTINFO Tornado Research Project“ schauten sich vor Ort um, dokumentierten die Schäden und befragten Augenzeugen.

Es ließen sich eindeutige Tornadoindizien finden. Dazu eine Passage aus dem Abschlussbericht: „Während die Inflow-Winde in Tornadozugrichtung rechtsseitig gesehen ein Trampolin in 115 Meter Entfernung vom Tornado auf 355° Nord 50 Meter zum Tornado hin verfrachteten, wurde zur gleichen Zeit ein Fliederbaum (Ölbaum/Syringa) linksseitig des Tornados in Zugrichtung gesehen zusammen mit Gartenmöbeln auf rückseitige (entgegengesetzt der Zugrichtung) 260° geworfen, welches kartographisch als Rotationsbeweis gilt.“ Das in verschiedene Richtungen verlaufende Schadensmuster, aufgrund Inflow/Outflow-Winde, gehört meteorologisch zu einem Tornado und nicht zu anderen Sturmphänomenen.

Augenzeugen sprachen außerdem von einer „rotierenden Trichterwolke“. Laubbäume bewegten sich „in verschiedene Himmelsrichtungen“.

Auch die Beschädigung am angesprochenen Carport konnte sehr genau rekonstruiert werden. Das Carport-Dach sei „27,4 Meter weit linksseitig der Tornadozugrichtung verfrachtet worden“. Der Wirbel saugte Dämmstoffe und Glaswolle ein. Hierbei konnte sogar eine Verfrachtung von 350 Metern kartiert werden. In der Lübtheener Gartenstraße hinterließ der Tornado ebenfalls Spuren: Etwa 50 Dachziegel wurden herausgehoben. Am Raiffeisenmarkt zerlegte es Blumenstände und Holzbalken gingen auf Wanderschaft.

Weitere klare Tornadoindizien ließen sich am Kirchplatz und nach Überquerung der Geschwister-Scholl-Straße in Richtung Krone Brüggen feststellen. Es wurde ein typisches konvergentes Fallmuster in einem Fichtenbestand nachgewiesen. Es bot sich also ein Bild mit unterschiedlichen chaotischen Fallrichtungen der Bäume mit Schwerpunkt zur Mitte des betroffenen Bereiches hin.

Abb. 3: Beispiel für konvergentes Tornado-Fallmuster

Diese Analyse gehört zum Fall Groß Laasch bei Ludwigslust (05.05.2015), der Tag des denkwürdigen F3-Tornados in Bützow.
Quelle: https://www.stormchaser-holstein.de/files/images/60.jpg

Im kleinen Ortsteil Lobetal verliert sich schließlich die Spur des Tornados. Er hinterließ in einer engbegrenzten Ost-Nordost verlaufenden Schneise von 2,57 km Länge Bruch- und Verfrachtungschäden mit konvergentem Muster. Die sogenannte primäre Schneisenbreite betrug 5 Meter, während der sekundäre Wirkungsbereich teilweise eine Breite von 185 Metern aufwies. Es hat Verfrachtungen von maximal 350 Metern gegeben.

Die Windgeschwindigkeiten können in den Bereich von 130 bis 150 km/h eingeordnet werden. Die Kartierungsarbeiten des „Tornado Research Projektes“ sind abgeschlossen und der Tornado ist nun schadensanalytisch nachgewiesen, ein Böenfrontwirbel bzw. Fallböen konnten ausgeschlossen werden.

Damit hat Mecklenburg-Vorpommern nun den ersten bestätigten Tornado im Jahr 2020. Hinzu kommt ein Verdachtsfall vom 12.März aus Grimmen (=> https://tornadoliste.de/read:7649 ) und ein unplausibler Fall (wahrscheinlich Fallböen) aus Rostock-Reutershagen vom 04.Januar.

Im vergangenen Jahr 2019 zählt die Statistik 4 Tornadoereignisse (davon 3 als Wasserhosen über der Ostsee) und 9 Verdachtsfälle für MV.


Abb. 4: Fujitaskala zur Einstufung und Schadensklassifikation von Tornados

Quelle: https://witnessgenerationy.files.wordpress.com/2015/05/skala.png

Quellenangaben:

Tornadoliste Deutschland => https://tornadoliste.de/read:7665

Gemeinnütziges Tornado Research Project => https://wtinfo.eu/

Facebook Tornado Research Project => https://www.facebook.com/WTINFO/

Facebook FFW Lübtheen => https://www.facebook.com/Feuerwehrluebtheen/

Kachelmannwetter.com =>https://kachelmannwetter.com/de/regenradar

Sturmhochwasser und Polarluft

Wetterlage am 29.März 2020
Quelle: https://www.wetterkontor.de/de/wetterlage.asp

Am letzten Märzwochenende stand ein veritabler Wettersturz ins Haus. Über dem Atlantik plusterte sich das mächtige Hoch KEYWAN auf und erreichte einen stolzen Kerndruck von bis zu 1055 hPa.

In der Folge setzte ab der Nacht zum Sonntag (29.03.) eine kräftige Nordströmung ein, mit welcher arktische Polarluft auf ziemlich direktem Wege bis nach Mecklenburg-Vorpommern gelangte. Durch einen eingelagerten Bodentrog ging der Wetterwechsel von Sonne pur und immerhin 8-14°C am Samstag zu 2-5°C am Sonntag mit Niederschlägen und Sturm einher. Der Nord- bis Nordostwind erreichte in den Frühstunden Stärke 7-8 an der Küste, in exponierten Lagen wurden schwere Sturmböen der Stärke 10 registriert. Dies sorgte für deutlich steigende Wasserstände entlang der Ostseeufer. Verbreitet wurde die Sturmflutmarke von 1,00 m erreicht, in den Buchten sind Maximalwerte von 1,40 bis über 1,50 m über normal gemeldet worden (= leichte bis mittlere, vereinzelt sogar schwere Sturmflutkategorie). Der Höhepunkt war zwischen 08 und 12 Uhr erreicht.

Maximale Pegelstände in M-V + angrenzende Orte / 29.03.2020

 Abw. vom MWSTUhrzeit HöchststandSturmflutkategorie
Travemünde1,51 m10:00 Uhrschwer
Lübeck1,57 m10:05 Uhrschwer
Wismar1,47 m09:26 Uhrmittel
Warnemünde1,16 m11:45 Uhrleicht
Rostock-Mühlendamm1,33 m11:16 Uhrmittel
Stralsund1,14 m10:25 Uhrleicht
Sassnitz0,89 m09:30 Uhrleicht
Greifswald-Wieck1,31 m09:50 Uhrmittel
Karlshagen / Usedom0,98 m11:10 Uhrleicht
Ueckermünde0,60 m15:51 Uhrleicht
Verlauf des Pegels in Warnemünde und Rostock-Mühlendamm
Quelle: https://pegelonline.wsv.de/gast/start;jsessionid=6B639A759363FF713B40CED19048664E

Einteilung Sturmfluten an der deutschen Ostseeküste
-4 Klassen-
leichte Sturmflut: 1,00 bis 1,25 m über mittl. Wasserstand
mittlere Sturmflut: 1,25 bis 1,50 m über m. WS
schwere Sturmflut: 1,50 bis 2,00 m über m. WS
sehr schwere Sturmflut: mehr als 2,00 m über m. WS

Zur weiteren Einordnung: Die schwere Sturmflut vom 02.Januar 2019 erreichte in Wismar 1,91 m, in Rostock 1,83 m und in Warnemünde 1,67 m über normal. Damit erreichte dieses Ereignis eine deutlich höhere Größenordnung und verursachte zahlreiche Schäden.

Die erste Sturmflut in diesem Jahr war am 05.Februar 2020, erreichte einen Maximalstand von 1,21 m in Wismar und fiel damit schwächer aus als die jetzige.

Spitzenböen M-V 29.03.2020

Videos aus Warnemünde vom 29.03.2020- überspülter Strand und Wellen an der Westmole

Neben Sturm und Hochwasser war der Niederschlag die dritte spannende Komponente am Sonntag- Morgen. Zunächst fiel bei sinkenden Temperaturen verbreitet leichter Regen, ab 07-08 Uhr ausgehend von der vorpommerschen Küste Schneeregen. Bis zum Mittag breitete sich das Niederschlagsgebiet südwärts aus und dann konnten auch im Binnenland nasse Schneeflocken beobachtet werden. Bei 1-3°C reichte es aber nirgends für eine Schneedecke.

Am Nachmittag lockerte der Himmel rückseitig der Kaltfront von der Ostsee her auf und die Sonne setzte sich in der nun jedoch spürbar „eisigen“ Polarluftmasse durch.

Der Parameter „Taupunkt“ ist dafür ein guter Indikator. Die Karte zeigt verbreitet deutlich negative Werte, was auf eine sehr trockene und kalte Luftmasse hindeutet.

Taupunkte am 29.03.2020 um 17 Uhr
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/taupunkt/20200329-1500z.html

Mit langsam abflauendem Nordwind ging auch das Ostsee-Wasser Stück für Stück zurück und die Pegelstände normalisierten sich.

Die Auswirkungen der Sturmflut waren überschaubar: In Wismar wurden Straßen in Hafennähe überschwemmt, vielerorts überspülten die Wellen Strände und drückten das Wasser bis an die Dünen und Steilküsten. Auf Poel und bei Boltenhagen stürzten Bäume durch Unterspülungen um und wurden Findlinge aus der Steilwand gerissen.

Die städtische Wärmeinsel

In trockenkalten Strahlungsnächten mit kaum spürbarem Wind, so wie es zu Beginn der Woche auch in Mecklenburg-Vorpommern der Fall war, ist der Effekt der sogenannten „Städtischen Wärmeinseln“ zu beobachten.

Dieses Merkmal ist Gegenstand verschiedener Forschungsprojekte, gerade im Sommer können die Auswirkungen auf die Stadtbewohner bedeutend sein. Es besteht die Gefahr von Hitzestress, selbst nachts kann kaum gelüftet werden, da anders als im ländlichen Umland nur eine geringe Abkühlung einsetzt.

Quelle: Deutscher Wetterdienst, https://www.dwd.de/DE/forschung/klima_umwelt/klimawirk/stadtpl/projekt_warmeinseln/projekt_waermeinseln_node.html

Das Grundprinzip lautet: Urbane Räume können Wärme effektiver speichern. Dazu ein paar allgemeine Erläuterungen (beispielhaft für einen Sommertag):

Die Erwärmung erfolgt tagsüber natürlich durch die Sonnenstrahlung. Vom Erdboden wird diese aufgenommen und dann zur Nacht wieder abgestrahlt. Diese Abfolge funktioniert bei trockener und sauberer Luft sowie klarem Himmel umso besser. In den Innenstädten fördern derweil ein hoher Versiegelungsgrad (viel Stein, Beton etc.), Straßenschluchten und hohe Gebäude die Erwärmung. Die Wärme kann besonders gut absorbiert und gespeichert werden. Fehlende Vegetation sorgt für ausbleibende Kühlungseffekte und dichte, enge Bebauung für „eingeschlossene“ Luft (bei windschwachen Lagen). Die Wärme kann abends nur im geringen Maße nach oben entweichen, die Zirkulation kommt beinahe zum Erliegen, sodass ein Austausch mit kühlerer Luft vom Stadtrand verhindert wird. Zudem stellt auch die stärkere Luftverschmutzung ein Hindernis dar und hemmt die Abstrahlung der Wärme.

Nicht unerheblich ist außerdem die Wirkung der Verdunstungsabkühlung. Nach Niederschlägen halten unversiegelte Flächen (Wiesen, Felder etc.) die Feuchte länger als asphaltierte Flächen in der Stadt, wo das Wasser rasch in die Kanalisation abfließt.

Der Wärmeinseleffekt lässt sich durch Messungen eindeutig bestätigen, die Temperaturunterschiede innerhalb einer Großstadt können in einer Sommernacht durchaus 8 bis 10°C betragen (zwischen Innenstadt und ländlichem Stadtrand). Hier ein Beispiel aus Berlin vom 11.Juli 2006, 01 Uhr:

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/stadt-berlin/temperatur/20060710-2300z.html

Mollige 23°C am Alexanderplatz, kühle 15°C in Kaniswall an der südöstlichen Stadtgrenze.

Auch im Winter lassen sich Auswirkungen beobachten. Beispiel: Fällt nasser Schnee bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, so bleibt davon auf dem Land mehr liegen als in der Stadt.


Blicken wir auf ein aktuelles Temperaturbeispiel aus der vergangenen Woche für Rostock und Schwerin.

Betrachtet werden die Tiefsttemperaturen für die frostige Nacht vom 22. zum 23.März. Auf beiden Karten ist der Umriss des Stadtgebietes mit den milderen Werten deutlich zu erkennen.

Im ländlich-dörflichen Umland dagegen: Weniger Bebauung und versiegelte Flächen, mehr Grün => deutliche Auskühlung, Tiefstwerte bis -5°C

Auch innerhalb des Stadtgebietes existieren durch Grünanlagen oder offene Flächen kleine „Kältelöcher“ mit niedrigeren Temperaturen.

Im Fall unserer Landeshauptstadt tritt zudem der Schweriner See deutlich hervor, welcher wie die Ostsee als „Fußbodenheizung“ fungiert und eine deutliche Auskühlung der Luft über der Wasseroberfläche verhindert.


Diese Untersuchung zeigt u.a., dass ein offizieller Messwert für eine ganze Stadt meist nicht repräsentativ ist.

Stadtklimaeffekte werden bspw. im Bauwesen und in der Gesundheitsvorsorge berücksichtigt. Der DWD führt Studien zum besseren Verständnis der Wärmeverteilung innerhalb unterschiedlicher Bebauungsstrukturen durch, die Forschung ist in diesem Bereich längst nicht abgeschlossen.

Tief Hanna übertrumpft Februar-Stürme

Wetterlage am 13.März
Quelle: https://www.wetterkontor.de/de/wetterlage.asp

Nach mehreren vor allem medial präsenten Stürmen im Februar („Sabine“, „Victoria“), welche in M-V jedoch für keine ungewöhnlichen Windgeschwindigkeiten sorgten, zog anschließend an eine Phase der Wetterberuhigung am 12.März Sturmtief Hanna über den Norden Deutschlands.

Entstanden in der Nacht vom 11. zum 12.03. aus einer unscheinbaren Welle auf dem Atlantik vor den Britischen Inseln, vertiefte sich die Zyklone rasch und verlagerte sich über die Nordsee und Dänemark bis ins Baltikum. An der Südflanke verschärften sich die Luftdruckgegensätze deutlich und das Starkwindfeld erfasste in Deutschland hauptsächlich Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern mit Schwerpunkt auf die Küstenregionen.

Am Vormittag überquerte die Kaltfront MV von West nach Ost. Regional ging dies schon mit ordentlich Wind und schauerartigen Niederschlägen einher. Über Warnemünde fegte die Front mit einem kräftigen Graupelschauer und orkanartigen Böen bis 106 km/h hinweg. Auch im Süden Mecklenburgs war die Kaltfront als scharf abgegrenzte Schauerlinie gut organisiert und brachte Böen der Stärke 11 von bis zu 103 km/h in Feldberg.

Situation am Vormittag: Die Kaltfront über dem Südosten, danach kurzzeitig Wetterberuhigung bevor neue Schauer aus Westen folgten und in ihrem Umfeld für heftige Böen sorgten.
Quelle (Bild bearbeitet): https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/mecklenburg-vorpommern/20200312-0915z.html

Postfrontal setzte typisches Rückseitenwetter bzw. Aprilwetter ein. Durch eine Portion Höhenkaltluft labilisierte die Luftmasse und einzelne Regen- und Graupelschauer wechselten sich mit sonnigen Phasen ab. In den Niederschlägen wurden durch den vertikalen Impulstransport (Herabmischen des starken Höhenwindes) die ruppigsten Böen registriert. Bis in den Nachmittag hinein kam es so punktuell zu schweren Sturmböen oder orkanartigen Böen, an der Ostseeküste reichte es allein gradientbedingt (Luftdruckgegensätze) für Mittelwinde der Stärke 7-8, Böen 9 bis 10 aus West.

Spitzenböen Sturmtief Hanna in M-V / 12.März

Anmerkung: Hiddensee-Dornbusch gilt als der windigste Ort im deutschen Ostseeraum und der Windmesser ist zudem sehr exponiert auf dem Leuchtturm montiert.

Karte mit den Windspitzen der DWD-Stationen

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/windboeen-max/20200313-0000z.html

Beaufort-Skala:

75-88 km/h = BFT 9
89-102 km/h = BFT 10
103-117 km/h = BFT 11
ab 118 km/h = BFT 12

Zum Vergleich: Die Spitzenböe bei Orkantief Sabine am 09.Februar lag in MV bei 104 km/h an der Station Hiddensee-Dornbusch. Ansonsten traten im ganzen Bundesland nur max. Böen der Stärke 10 auf. Fairerweise muss jedoch gesagt werden, dass „Sabine“ in West- und Süddeutschland stärker wütete und generell das gesamte Bundesgebiet betraf, während „Hanna“ sich quasi auf den äußersten Norden beschränkte. Auch die Entstehungsgeschichte der Zyklonen ist gänzlich verschieden, worauf jedoch an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll.


Am Freitag (13.März) beschäftigte uns nochmals ein kleines Randtief und sorgte für wechselhaftes und windiges Wetter. Anschließend sickerte ein Schwall polarer Kaltluft ein und bescherte uns eine frostige Nacht zum Sonnabend, welcher dann tagsüber mit Traum-Sonnenwetter entschädigte.

Der Eiswinter 1995/96 an der Ostsee

So weit das Auge reicht, erstreckt sich zur See nur Eis und Schnee.
Februar 1996 in Warnemünde

Im Kernwinter 1995/96 (Dez, Jan, Feb) betrug die Mitteltemperatur in Warnemünde -2,6°C, damit war es der sechstkälteste Winter im Zeitraum seit 1934/35.

Die Wetterdaten aus Warnemünde vom 01.12.1995 bis 29.02.1996
Quelle: http://www.mtwetter.de/monatskarte.php

50 Dauerfrost- und 81 Frosttage sprechen ebenfalls deutlich für einen strengen Winter. Viel Schnee fiel jedoch nicht, es dominierten Hochdruckwetterlagen. Die maximale Schneehöhe lag bei 15 cm (22.02.1996), zwischendurch gab es auch Kahlfrostperioden komplett ohne Schnee mit zweistelligen Minusgraden. Der Januar 1996 ging in die Wettergeschichte ein, in der Warnemünder Niederschlagsmessreihe seit 1901 ist es bis heute der einzige Monat ohne messbaren Niederschlag.

Der Winter 1995/96 war der letzte echte Eiswinter an der MV-Ostseeküste. Die Bedingungen für ein Zufrieren der küstennahen Meerareale waren günstig. Dabei sind keineswegs die Minusgrade die alles entscheidende Voraussetzung, ob auf Gewässern ein Eispanzer wächst. Auch die Windrichtung und -stärke, die Niederschläge und der Salzgehalt des Wassers spielen eine Rolle. So kann etwa starker Wellengang oder ständiger ablandiger Wind die Eisbildung trotz zweistelliger Minusgrade verzögern.


Die folgenden Bilder sind im Februar 1996 in Rostock-Warnemünde aufgenommen worden.

Orkan Xaver am 05./06.Dezember 2013

Bodendruckkarte 05.12.2013 18:00 Uhr- Quelle: Deutscher Wetterdienst

Anfang Dezember 2013 entwickelte sich Tief Xaver durch große Temperaturgegensätze zu einem ausgewachsenen Orkanwirbel und bewegte sich in etwa von Island über das Nordmeer nach Skandinavien und schließlich weiter in Richtung Osteuropa. Das Sturmfeld, welches ungewöhnlich breit war, erfasste Schottland, die Niederlande, Dänemark, Polen und auch die deutsche Nord- und Ostseeküste sowie das angrenzende Hinterland. Im Zentrum des Orkantiefs sank der Luftdruck in der Nacht zum Nikolaustag zeitweise auf knapp 960 hPa (Raum Dänemark/Südschweden). Es entstanden enorme Luftdruckgegensätze, denn gleichzeitig ankerte als Gegenspieler ein ausgedehntes Hochdruckgebiet vor der Biskaya mit einem Kerndruck von circa 1037 hPa.

Xaver zog bemerkenswert langsam, sodass der Sturm sehr lange anhielt. In Warnemünde wurden beispielsweise über einen Zeitraum von 30 Stunden ohne Unterbrechung Böen von mindestens Stärke 9 registriert. Noch extremer sind die Daten der exponiert gelegenen Wetterstation Hiddensee-Dornbusch: Hier wurde über einen Zeitraum von 41 Stunden im Mittel (keine Böen!) Sturmstärke erreicht. Orkanböen gab es durchgehend von Donnerstag, 05.12. 16:10 MEZ bis Samstag, 07.12. 00:10 MEZ. Dies entspricht einer Spanne von 32 Stunden.

An der Nordseeküste kam es zu einer schweren bis sehr schweren Sturmflut, auch an der MV-Ostseeküste gab es deutlich erhöhte Wasserstände.

Spitzenböen MV, 05./06.12.2013- in km/h

167 Hiddensee-Dornbusch
141 Heiligendamm
136 Warnemünde
130 Greifswalder Oie
125 Kap Arkona
121 Boltenhagen
121 Darßer Ort
118 Bastorf-Kägsdorf
113 Schwerin
107 Putbus/Rügen
106 Groß Lüsewitz

103-117 = Windstärke 11 (orkanartig)
ab 118 = Windstärke 12 (Orkan)

Ablauf

Mit Annäherung von Tief XAVER frischte vorderseitig bereits am Donnerstagvormittag (05.12.) der SW-Wind in Mecklenburg-Vorpommern deutlich auf. Zudem setzte der Warmfrontregen ein. An der Küste drückte der ablandige Wind das Wasser vom Ufer weg und es stellte sich Niedrigwasser ein. Ein erster Höhepunkt wurde dann in den Abendstunden mit Durchzug der Kaltfront erreicht. Diese äußerste sich durch kräftige Schauerlinien (teils mit Graupel/kleinem Hagel), einem Windsprung von SW auf NW und vor allem extremer Böigkeit. An der Rostocker Küste erreichten die Windspitzen zwischen 20 und 21 Uhr Orkanstärke Bft 12 mit 141 km/h in Heiligendamm und 136 km/h in Warnemünde. Zahlreiche Schäden entstanden zu dieser Zeit in den Küstenwäldern Mecklenburgs, aber auch in den Städten, beispielsweise Rostock, Wismar und Schwerin.

Spitzenböen der DWD-Stationen bis Freitag, 06.12.2013 01 Uhr
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/windboeen-max/20131206-0000z.html

Nach kurzer Abschwächung über Nacht nahm der Wind auf der Rückseite der Kaltfront zum Freitagmorgen wieder zu. Der sogenannte Trogsturm erfasste nun die Ostseeküste von MV. Auf der Insel Hiddensee meldete die Messtechnik um 04:10 und 06:20 Uhr mit 167 km/h die maximale Windgeschwindigkeit für MV.

! Erklärung Trogsturm: Tritt im Bereich höhenkalter Luft auf der Rückseite eines Sturm- oder Orkantiefs bei zunehmend konvektiver Wetteraktivität auf. Tiefer Luftdruck stößt in höheren Schichten der Atmosphäre in Form eines Troges vor.

Mittlerweile strömte deutlich kältere Luft polaren Ursprungs ins Land und gelegentlich von NW hereinziehende Schauer fielen zumindest im Binnenland (abseits des wärmenden Ostseewassers) teils als Schnee. In den südlichen Landesteilen bildete sich bis zum Klimatermin um 07 Uhr regional eine geschlossene Schneedecke aus. In Carpin-Serrahn bei Neustrelitz maß der ehrenamtliche Beobachter eine Schneehöhe von 10 cm.

Schneehöhen am 06.12.2013 um 07 Uhr
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/schneehoehen-tag/20131206-0600z.html

Aufgrund der Unwetterlage fiel am 06.12. im ganzen Bundesland der Unterricht an den Schulen aus. Fähren blieben in den Häfen, die Weihnachtsmärkte öffneten ebenfalls nicht. Der Sturm hielt tagsüber unvermittelt an, weiterhin erreichten die Windgeschwindigkeiten im Küstenumfeld Stärke 10 bis 12 aus Nordwest.

Zur Nacht auf Samstag (07.12.) erreichten die Pegelstände an der MV-Ostseeküste ihren Höchstwert. In Rostock wurden 1,17 m über mittleren Wasserstand erreicht, Koserow auf Usedom meldete 1,11 m und Warnemünde 1,05 m über MWST. Somit handelte es sich nur um eine leichte Sturmflut. Ganz anders an der Nordsee, wo es teilweise die zweithöchste Sturmflut seit Beginn der Aufzeichnungen gab. In Hamburg-St. Pauli wurde ein Spitzenwert von 3,98 m über MWST erreicht.

Zum Wochenende beruhigte sich das Wetter und das öffentliche Leben normalisierte sich.

Bildmaterial aus Warnemünde

Um die 50 Bäume hat Xaver im Ostseebad nach Angaben des Grünamtes umgelegt. Besonders betroffen war der Kurpark, Stephan-Jantzen- Park sowie der alte Warnemünder Friedhof. Teilweise gingen Fensterscheiben zu Bruch und Mülltonnen flogen umher. Die Feuerwehr sicherte den Weihnachtsbaum auf dem Warnemünder Kirchenplatz.

Höhe Haus Stolteraa
Stephan-Jantzen-Park

Warnmanagement

Die Warnkarte der Unwetterzentrale vom 05.12.2013- höchste Warnstufe violett im Küstenumfeld
Quelle: http://www.unwetterzentrale.de/uwz/928.html

Xaver zählt zu den stärksten Sturmereignissen der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland. Zu dieser Einschätzung kommt man insbesondere, wenn nur der Norden zur Auswertung herangezogen wird, denn Süddeutschland bekam kaum etwas von Xaver ab.

Hier die Einordnung für Warnemünde, Orkan Xaver auf Platz 4 der höchsten Windspitzen seit 1967.

Die 5 höchsten Tageswindspitzen in Warnemünde (seit 1967)
41.0 m/s (148 km/h)13.11.1972 => Orkan Quimburga
39.0 m/s (140 km/h)15.01.1968 => namenslos
37.8 m/s (136 km/h)26.11.1992 => Orkan Ismene
37.7 m/s (136 km/h)05.12.2013 => Orkan Xaver
37.0 m/s (133 km/h)17.10.1967   => Skane-Orkan

Auffällig war das offensive Ausgeben von Warnungen im Vorfeld des 05./06.Dezember. Dadurch konnten einerseits Vorkehrungen getroffen und so Schäden verhindert werden. Andererseits häuften sich im Nachgang Einschätzungen, nach denen alles nur halb so schlimm war. Tatsächlich geisterten Vorhersagen von Böen im Bereich 160 bis 180 km/h durch die Medien, welche es schließlich nur an sehr exponierten Stellen an der Küste gab.

In den Berechnungen der verschiedenen Vorhersagemodelle zeichnete sich schon ziemlich früh eine Sturmtiefentwicklung für den 05./06.12. ab. Das amerikanische Modell rechnete bereits am 29.11.2013 ein Orkantief mit einem Kerndruck von 960 hPa über Südnorwegen, also fast exakt so, wie es schließlich kommen sollte. In den Folgetagen schwankten die Prognosen dann (wie üblich) noch hin und her. Drei Tage vor dem Ereignis waren sich die meisten Modelle dann einig: Orkanböen für die Küsten von Nord- und Ostsee sowie im Binnenland von Schleswig-Holstein.

Letztendlich wurden die Spitzenböen etwas überschätzt, die Andauer des Sturms dagegen leicht unterschätzt.