Erster Frost und Lake-Effekt an der Ostsee

Samstagfrüh (05.10.19) in Warnemünde: Über der offenen See entwickeln sich kräftige Regenschauer, an Land ist der Himmel frei von Cumulus-Gewölk.

Zum ersten Oktoberwochenende stellte sich eine nordöstliche Strömung ein, mit welcher Luftmassen polaren Ursprungs nach Mecklenburg-Vorpommern geleitet wurden. Die Temperaturen erreichen tagsüber nur noch 10 bis 12°C und lagen somit etwa 3 bis 4°C unterhalb des Klimamittels der Periode 1961-1990. In der Nacht zum Sonntag sanken die Tiefstwerte in 2m Messhöhe zum ersten Mal in diesem Herbst unter die 0-Grad-Marke. Am Flugplatz Barth in Nordvorpommern (typisches Kälteloch) zeigte der elektronische Messfühler Luftfrost bis -1,9°C an.

Auch direkt an der Ostseeküste trat bei schwachem ablandigem Wind zumindest Bodenfrost auf. An der DWD-Station in Warnemünde ist der Messwert von -0,4°C in 5cm über Dünensand sogar gleichbedeutend mit dem drittfrühesten Bodenfrosttag in der Messreihe seit 1947.

Früheste Bodenfrosttage (Tmin 5cm < 0,0°C)- Warnemünde seit 1947

03.10.1947 -1,6°C
04.10.1947 -0,9°C
06.10.1959 -1,5°C / 06.10.2019 -0,4°C

Mit dem Einsickern der Kaltluft kam ein bekannter meteorologischer Effekt zum Tragen. Gemeint ist der sogenannte „Lake-Effekt“. Ursprünglich stammt der Begriff aus den USA und steht in Zusammenhang mit heftigen Schneefällen, die an den Großen Seen (Great Lakes) ausgelöst werden. Das Grundprinzip ist an den deutschen Küsten dasselbe: Kalte Luft, besonders in höheren Luftschichten, strömt mit nordöstlichen bis östlichen Winden über das mit 12 bis 14°C (aktuelle Daten) vergleichsweise warme Oberflächenwasser der Ostsee. Durch die großen vertikalen Temperaturunterschiede (in 5,5 km Höhe bis -30°C am gestrigen Samstag) resultiert eine labile Schichtung. Die grundsätzlich trockene Kontinentalluft nimmt bei ihrem langen Weg über die Ostsee außerdem viel Feuchte auf. Letztendlich äußert sich der Lake-Effekt durch strichweise angeordnete Schauerbänder, die lokal eng begrenzt große Niederschlagsmengen an der Küste bringen können.

Strichweise ordnen sich die Schauer an und ziehen dann gen Küste.
Quelle (bearbeitet): https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/mecklenburg-vorpommern/20191005-0750z.html
Zwei Niederschlagsschwerpunkte durch den Lake-Effekt.
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/regensummen/mecklenburg-vorpommern/niederschlagssumme-6std/20191005-1250z.html

Aktuell ist die Luft noch zu mild und es fällt Regen, im Winter können unwetterartige Neuschneemengen zusammenkommen und erhebliche Schneeverwehungen auftreten. An der deutschen Ostseeküste bilden sich üblicherweise, so war es auch gestern am 05.10., zwei markante Schauerstraßen aus: Eine besonders Intensive verläuft in der Mecklenburger und Lübecker Bucht und tangiert Ostholstein, Lübeck sowie den Klützer Winkel in Nordwestmecklenburg. Eine zweite beginnt südlich der dänischen Insel Bornholm und landet an der Küste von Usedom bzw. am Greifswalder Bodden an und reicht in Abhängigkeit von der Windgeschwindigkeit meist einige Kilometer ins Landesinnere hinein.

Je nach Windrichtung (N bis O) können prinzipiell aber alle Küstenabschnitte betroffen sein.

Ein prominentes Beispiel eines winterlichen Lake-Effekts war das Ereignis vom 29./30.November 2010, als Ostholstein und der Kreis Segeberg mit 30 bis 50 cm Neuschnee zu kämpfen hatten. Das öffentliche Leben kam teils zum Erliegen, Schulen blieben geschlossen. Der intensive Kaltlufteinbruch aus O/NO erreichte die Region damals sehr früh, zu einer Zeit, als die Ostsee noch „lauwarm“ war und die Quellwolken- und Niederschlagsbildung erheblich verstärken konnte.

Im Januar 1987 versanken große Teile der Ostseeküste und des angrenzenden Binnenlandes in den Schneemassen. In Warnemünde ermittelten die Wetterbeobachter am 14.01.1987 eine mittlere Schneehöhe von 55 cm.

Rückblick: Sturm Mortimer in MV

Der zweite Herbststurm der Saison ist am Montag von West nach Ost über Mecklenburg-Vorpommern hinweg gezogen. Begleitet wurde das Tief von kräftigen Regenfällen, streckenweise fielen über 30 l/m² in 24 Stunden. Die Spitzenwindgeschwindigkeit verzeichnete die Wetterstation Hiddensee-Dornbusch mit 111 km/h (Bft 11). Abgesehen von diesem üblichen Verdächtigen, der Windmast ist auf dem Leuchtturm des rund 70 m hohen Dornbusch montiert, führten Stationen an der mecklenburgischen Küste die Hitliste an. In Heiligendamm wurden schwere Sturmböen bis 98 km/h gemessen. Im Binnenland lag der Höchstwert bei 94 km/h (Sukow-Levitzow nahe Teterow). Insgesamt kam die Region damit glimpflich davon, noch tags zuvor am Sonntag berechneten zahlreiche Wettermodelle auch einzelne orkanartige Böen um 110 km/h abseits der Küste.

Verkehrsbehinderungen durch umgestürzte Bäume und abgerissene Äste traten erwartungsgemäß trotzdem in vielen Landesteilen auf. Lokal fiel im Landkreis Rostock kurzzeitig der Strom aus. Auf einigen Fährlinien wurde vorsichtshalber der Betrieb eingestellt, der Rostocker Zoo ging auf „Nummer sicher“ und blieb geschlossen.


Strand von Warnemünde- gegen 17:45 Uhr.
Böen 70-80 km/h (Bft 8-9) zum Aufnahmezeitpunkt.

Radaranimation Vormittag

Kräftige schauerartige Regenfälle im Bereich des Tiefkerns verlagerten sich zum Mittag von Mecklenburg nach Vorpommern. An der niederschlagsreichsten Station des Landes in Friedland summierten sich innerhalb von 12 Stunden 33 l/m².

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/mecklenburg-vorpommern/20190930-0800z.html#play2

Zum Nachmittag stellte sich nach Abzug des Tiefs in labiler Luftmasse typisches Rückseitenschauerwetter ein. Besonders entlang der Ostseeküste traten auch sonnige und längere trockene Abschnitte auf, wobei der Gradient nur langsam auffächerte und direkt an der Küste bis zum Abend weitere Sturmböen gemessen wurden.

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/mecklenburg-vorpommern/20190930-1345z.html

Windspitzen Mecklenburg-Vorpommern (DWD-Stationen)

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/windboeen-6h/20190930-1200z.html

Sturm MORTIMER kommt am Montag früh

Ein kräftiges Tiefdruckgebiet verlagert sich momentan rasch von den Britischen Inseln und der südlichen Nordsee weiter nach Westen und erfasst in den Frühstunden des Montags auch Mecklenburg-Vorpommern. Je nach genauer Lage des kleinräumigen Tiefs, ist eher die mecklenburgische Küste oder das südliche Binnenland von den stärksten Böen aus Richtung Nordwest betroffen. Diese können während des Höhepunkts (dauert nur etwa 1 bis 2 Sunden, in der Karte verzeichnet) durchaus 90 bis 100 km/h, vereinzelt an der Ostsee und während kräftiger Niederschläge und Gewitter sogar bis 115 km/h erreichen. In manchen hochauflösenden Wettermodellen sind gar Orkanböen über 120 km/h berechnet worden. Gänzlich auszuschließen ist das nicht.

So oder so sind bei solchen Windgeschwindigkeiten um diese Jahreszeit morgen Verkehrsbehinderungen durch umstürzende Bäume wahrscheinlich.

Die Farbwahl dient nur der Visualisierung (dunkelrot bedeutet also nicht Weltuntergang oder Extremunwetter). Zudem ist der Ablauf noch nicht ganz sicher, möglicherweise verschiebt sich die Zone der stärksten Böen weiter in die Landesmitte oder nach Süden (hellroter Bereich).

Mehrere Wasserhosen auf Rügen beobachtet

Foto: Jörg Poltz, Strand des Campingplatzes Drewoldke.
Quelle: https://tornadoliste.de/190919ruegen.htm

Am vergangenen Donnerstag (19.09.) wurden zwischen 17:25 und 18:05 Uhr gleich mehrere Tornados über der Ostsee vor der Nordküste Rügens gesichtet. Augenzeugen berichteten zeitweise gar von 6 Rüsseln über dem Wasser. Von verschiedenen Orten beobachteten Einheimische und Urlauber das Naturschauspiel, u.a. gingen Meldungen aus Vitt, Lohme und Drewoldke ein.

Die Wasserhosen entstanden an einer unscheinbaren, nicht sonderlich intensiven Schauerlinie. Im Radar zeigten sich lediglich mäßige Niederschlagssignale. Dennoch waren die Bedingungen für Tornados über der Ostsee sehr günstig. Es brauchte, wie üblich, nur „einfache“, nicht besonders hochreichende Cumuluswolken zur Entstehung.

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/vorpommern-ruegen/20190919-1545z.html

Am Donnerstagabend herrschte eine maritime Polarluftmasse in unserer Region vor. Die Temperaturgegensätze zwischen der bodennahen Schicht über den Wasserflächen und der Höhenluft waren sehr groß. Das Oberflächenwasser der Ostsee ist nach dem Sommer immerhin noch 15 bis 16°C warm. Die Luftmasse war dadurch labil geschichtet und es herrschte eine gut ausgeprägte Thermik (viel Auftrieb in der unteren Atmosphäre), begünstigt auch durch eine küstennahe Bodenwindkonvergenz (W-Wind und N/NW-Wind strömten zusammen). Förderlich war zudem die insgesamt windschwache Lage, nach dem stürmischen Dienstag und Mittwoch hatten die Luftdruckgegensätze nachgelassen.

Die Tornados vom 19.September zogen vor der Küste der Insel Rügen entlang und trafen nicht auf Land. Fotos und Videos zeigten eindeutig aufgewirbeltes Wasser und bestätigten so den Bodenkontakt in mindestens zwei Fällen. Wasserhosen sind mitunter eine spektakuläre Erscheinung, jedoch in der Regel ungefährlich. In seltenen Fällen sind allerdings schon Boote, Segler oder Ausflugschiffe durch einen solchen Wirbelwind in Seenot geraten. Ebenso können Schäden auftreten, wenn ein Tornado ans Ufer zieht.

Nahezu jedes Jahr treten vor allem im Spätsommer und Herbst mehrere Wasserhosen vor den Küsten von Mecklenburg und Vorpommern auf, insgesamt sind sie etwas häufiger als Tornados an Land, die meist im Umfeld von Gewitterzellen entstehen.

Die „Tornadoliste Deutschland“ (=> https://tornadoliste.de/ ) zählt für 2019 in MV bisher 3 bestätigte Tornados (Rügen vom 19.09. als ein Fall gezählt, die anderen beiden ebenfalls Wasserhosen) und 9 Verdachtsfälle. Sollte es bis Jahresende in etwa dabei bleiben, fällt die Bilanz tendenziell durchschnittlich aus. Bezüglich Tornados über Land in diesem Jahr gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Unklar ist bei mehreren Verdachtsfällen, ob bei aufgetretenen Trichterwolken Bodenkontakt bestand oder ob Sturmschäden tatsächlich durch einen Tornado oder doch eher eine Gewitterfallböe verursacht wurden.

Foto: Susi Anderlik
Ein ungeklärter Fall vom 31.07.2019 aus Bülow bei Güstrow. Die Trichterwolke reicht weit hinab, aber erreichte sie wirklich den Boden?
Quelle: https://tornadoliste.de/190731buelow.htm

Beispielsweise 2006 wurden in Mecklenburg-Vorpommern und auf den dazugehörigen Küstengewässern sogar 30 Tornados und weitere 14 Verdachtsfälle registriert. Generell ist besonders bei den Wasserhosen von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

Eine aussagekräftige Statistik kann zudem erst seit etwa 10 bis 15 Jahren erzeugt werden, je weiter man darüber hinaus in die Vergangenheit zurückblickt, umso weniger Fälle sind bekannt. Die Gründe sind einleuchtend: Heutzutage kann jeder schnell sein Handy zücken und fotografieren oder mitfilmen. Außerdem kam die Tornadodokumentation und -forschung in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg weitgehend zum Erliegen und wurde erst in den 2000er Jahren wieder aufgenommen. Anfang des 20. Jahrhunderts war Deutschland übrigens noch weltweit führend in der Tornadoforschung. Im Jahre 1917 erschien das bis heute anerkannte Buch „Wind- und Wasserhosen in Europa“ von Alfred Wegener.

Dienstag schwere Sturmböen möglich!

In Mecklenburg-Vorpommern und besonders an der Ostseeküste steht der erste Herbststurm bevor. Das kräftige Randtief IGNAZ entwickelt sich in den nächsten Stunden über Südskandinavien und kann sich im Lee des Skandinavischen Gebirges weiter vertiefen. Im Laufe des Dienstags zieht es Richtung Baltikum und an der Süd- und Westflanke des Tiefs bauen sich mit einem Hoch (Zentrum über Irland) als Gegenspieler kräftige Luftdruckgegensätze auf.

Zudem wird besonders in höheren Luftschichten sehr kalte Luft in unsere Region gelenkt. In 5,5 Kilometer Höhe kühlt es sich im äußersten Nordosten rund um Rügen bis auf -30°C ab. Dadurch wird eine große Labilität erzeugt, welche sich wiederum in der Entstehung kräftiger Schauer und einzelner (Kaltluft-)- Gewitter sowie starker Böigkeit des Windes widerspiegelt. Über dem noch sommerwarmen Meerwasser wären bei derartiger Wetterlage außerdem einzelne Tornados denkbar, doch der in allen Höhenschichten ziemlich starke Wind sollte dies weitgehend unterbinden.

Bereits gegen Morgen wird der westliche bis nordwestliche Wind an der Küste, nach einem nächtlichen Minimum, spürbar zulegen. Erste Schauerstaffeln können von Norden ins Land ziehen, spätestens zum Nachmittag treten dann zusätzlich mit Einsickern der Höhenkaltluft kurze Gewitter auf, bevorzugt an der Ostsee und in Vorpommern.

In Schauer- und Gewitternähe muss mit Sturmböen von 80 bis 90 km/h (vereinzelt mehr) gerechnet werden, auch abseits der Küste im Binnenland. Direkt an der Küste von Kühlungsborn über Warnemünde, Graal-Müritz, Darß-Zingst bis Hiddensee/Rügen sind zum Sturmhöhepunkt am Nachmittag (etwa 16 bis 20 Uhr) schwere Sturmböen um 100 km/h möglich, vereinzelt in exponierten Lagen oder bei stärkerem Niederschlag sind auch orkanartige Windspitzen um 110 km/h nicht auszuschließen.

Berechnung der Windspitzen zwischen 14 und 20 Uhr nach dem hochauflösenden Schweizer Modell Super-HD (6z).
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/modellkarten/sui-hd/2019091606/mecklenburg-vorpommern/windboeen-6h/20190917-1800z.html

An der Ostsee sind zum Abend erhöhte Wasserstände (bis zu 55 cm über Normal) zu erwarten!

Die prognostizierten Windgeschwindigkeiten bedeuten für MV generell nichts Ungewöhnliches. Ein extremes Sturmereignis erwartet uns nicht! Da die Bäume jedoch zu dieser Jahreszeit noch belaubt sind und dem Wind eine große Angriffsfläche bieten, sollte der Sturm nicht unterschätzt werden. Sturmböen der Stärke 9 um 80 km/h können locker ausreichen um größere Äste abzubrechen oder vereinzelt auch einen Baum umzulegen. Leichte Schäden an Dächern oder umstürzende Baugerüste werden sich hier und da wohl auch nicht vermeiden lassen. An den Stränden könnten die Strandkörbe an einigen Abschnitten nasse Füße bekommen.

In der Nacht zum Mittwoch lässt der Wind überall nach (Küste noch Böen Bft 7-8 bis zum Morgen) und auch die Schauer- und Gewittertätigkeit geht zurück.

„Heat Burst“ am 12.Juni in Greifswald

Bei der Auswertung der Datensätze verschiedener MV-Stationen für den vergangenen Monat fiel ein recht seltenes Phänomen auf, welches nachts in der Nähe abklingender Gewitter auftreten kann und einen starken, plötzlichen Temperaturanstieg + Abnahme des Taupunkts (Feuchtigkeit) zur Folge hat.

So geschehen in den frühen Morgenstunden des 12.06.2019 an der Wetterwarte Greifswald, als auf der Rückseite eines abziehenden mesoskaligen, konvektiven Systems (MCS, großer Gewitterkomplex) die Temperatur zwischen 5:00 MESZ und 5:10 MESZ, also in 10 Minuten und man beachte die Tageszeit, um knapp 5,5 Grad anstieg! Gleichzeitig fiel die relative Feuchte von 97 auf 65%. Über den Wind lässt sich leider nichts sagen, da das Gewitter vorher offenbar die Windmessung lahm gelegt hat. Typischerweise kommt es jedoch bei einem „heat burst“ zusätzlich zu starken Böen.

Ganz oben im Diagramm die markante Temperaturspitze (rot), sowie in der 2.Ebene die rel. Luftfeuchte (blau) und in der 5. Ebene der Luftdruckfall (blau).

Die Entstehung dieses Phänomens ist bislang nicht hundertprozentig geklärt. Grundlage sind Abwinde von trockenwarmer Luft aus höheren Schichten. Der letzte Niederschlag eines Gewitters fällt dabei in diesen Bereich trockener Luft, welche nun durch Verdunstung des Niederschlags abkühlt. Damit ist sie schwerer als die Umgebungsluft (jedoch immer noch vergleichsweise trocken) und fällt quasi zu Boden. Dieser Absinkprozess verläuft trockenadiabatisch, sprich pro 100 Höhenmeter Erwärmung um 1°C. Am Boden erfolgt dann die Wahrnehmung durch kurzzeitig extreme Temperaturspitzen, stark-böigem Wind und deutlichem Feuchterückgang + Druckabfall.

Im Prinzip funktioniert der „Hitzestoß“ wie Föhn, nur ohne Gebirge.

Ein noch extremeres Ereignis als zuletzt in Greifswald, wurde am 17.07.2007 von der Wetterstation Feldberg/Mecklenburg aufgezeichnet. Die Temperatur stieg gegen 5 Uhr innerhalb weniger Minuten von 21 auf knapp 31°C (!!!). Zudem fiel die Luftfeuchte von 80 auf 25% und es gab Böen bis knapp 85 km/h (Stärke 9).

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man davon ausgehen, dass die Messtechnik verrückt spielt. Doch auch dieser Fall passt ins Schema eines „heat bursts“. Auch andere Stationen in der Umgebung (bspw. Anklam, Greifswald, Greifswalder Oie) zeigten ähnliche Verläufe in der Temperaturkurve.

Quelle Diagramme: http://www.mtwetter.de/


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Tornadobeobachtungen aus Warnemünde- eine ungewöhnliche Statistik

Tornado auf der Ostsee vor Rügen am 23.08.2017,
Quelle: https://tornadoliste.de/170823ruegen.htm

Von den Wetterbeobachtern an der Wetterwarte Warnemünde sind in den vergangenen Jahrzehnten bereits mehrere Tornadosichtungen (meist Wasserhosen über der Ostsee) dokumentiert worden. Auch durch historische Schriften oder in der jüngeren Vergangenheit mittels Handyfotos und Videos konnten Tornados in der Region um Warnemünde bestätigt werden.

Hier alle bekannten Fälle aus Warnemünde:

Datum Stärke auf Fujita-Skala Uhrzeit Bemerkung
18.08.1885 W, F1 Gegen 08:30 Uhr 2 Fälle,
einer streifte Ort
19.08.1885 W 07:30 Uhr  
25.08.1885 W 09-10 Uhr  
19.06.1889 W morgens mehrere Fälle
20.09.1928 W unbekannt 2 Fälle
17.04.1952 F1 unbekannt  
06.09.1997 W 13-14 Uhr Beobachtung von Wetterwarte
05.09.2000 W unbekannt  
01.09.2003 W 11-12 Uhr Beobachtung von Wetterwarte
26.07.2005 W 21:25-21:30 Uhr  
16.09.2005 W ? 10:44-11:00 Uhr Verdacht
16.06.2008 W ? nach 22:00 Uhr Verdacht
26.05.2009 W ? 20:08 Uhr Verdacht
28.08.2010 W, F0 19:00-19:30 Uhr Mind. 2 Fälle,
einer zog bis auf
die Promenade
02.09.2010 W, F0 12:10-12:15 Uhr Zog westlich des Hotel Neptuns auf Land
12.05.2013 W ? 15:48 Uhr Verdacht
11.08.2013 W ? 14:00 Uhr Verdacht
10.09.2014 W 15:24-15:29 Uhr  
25.04.2016 W 07:10-07:16 Uhr  

W = Wasserhose
F0 = Windgeschwindigkeit unter 117 km/h (keine Orkanstärke)
F1 = Windgeschwindigkeit 117 bis 180 km/h, Tornados dieser Kategorie können bereits Bäume entwurzeln/ durchbrechen, Dächer beschädigen und Anhänger / Wohnmobile umwerfen

Quelle: Tornadoliste Deutschland => https://tornadoliste.de/


Bei den in Warnemünde aufgetretenen Tornados, meistens über der Ostsee beobachtet (selten mit Landgang), handelte es sich wohl nahezu ausschließlich um sogenannte Typ-II-Tornados. Die überwiegende Mehrheit aller Wasserhosen zählt zu dieser Kategorie. Zur Entstehung solcher „Ostsee-Tromben“ kommt es bevorzugt, wenn im Spätsommer/ Herbst in höheren Luftschichten sehr kalte Luft über dem noch sommerwarmen Meerwasser vorherrscht. Diese teils erheblichen Temperaturunterschiede zwischen der Höhe und der bodennah feuchtmilden Ostseeluft sind eine wichtige Voraussetzung. Man spricht von labiler Schichtung. Außerdem begünstigen eine windschwache Umgebung und kleinräumige Bodenwindkonvergenzen das Entstehen von Wasserhosen, welche meist nur eine Lebensdauer von einigen Minuten, selten bis zu einer Stunde aufweisen. Eine Gefahr geht insbesondere für kleine Schiffe und Boote aus, welche durchaus kentern können. Es sind einzelne solcher Unfälle auf Nord- und Ostsee, aber auch auf deutschen Binnenseen bekannt.

Eine Stärkeeinschätzung für Wasserhosen (Fujitaskala, F0 bis F5) ist übrigens nur möglich, wenn sie auf Land trifft. In der Regel hält sich das Schadensausmaß aber auch dann in Grenzen.

Ein prominentes Beispiel aus dem Rostocker Ostseebad ist der Tornado vom 28.08.2010. Dieser bildete sich am Rande eines Kaltluftgewitters über der Ostsee und zog dann über den Strand von Warnemünde bis auf die Promenade und löste sich auf Höhe Alter Strom schließlich auf. Viele im Internet veröffentlichte Amateurvideos zeigen das Schauspiel. Während am Strand lediglich Windfangzäune beschädigt wurden und Strandkörbe umkippten, zerstörte der Tornado auf der Promenade Zelte sowie eine Telefonzelle und umherfliegende Teile verletzten mehrere Menschen.

Außergewöhnlich muss auch das Wasserhosenereignis vom 19.Juni 1889 gewesen sein, wobei hier ein Bericht der Coburger Zeitung vom 22.06.1889 überliefert ist:

“ Am Mittwoch Morgen bot sich den Badegästen von Warnemünde, die rechtzeitig aufgestanden waren, ein eigenartiges Schauspiel dar. Wasserhosen zeigten sich in großer Zahl auf der See. Der Wind wehte aus West, und am nordöstlichen Himmel hing wie ein Vorhang schweres finsteres Gewölk. Aus dem Rande dieses Gewölkes senkten sich kegelförmige Zapfen zur See hinab, denen entgegen die See sich in wirbelnder Bewegung erhob. So entstanden säulenartige Gebilde, welche See und Wolke mit einander verbanden. Das untere Stück einer solchen Säule bildete ein Kegel, der mit der Spitze nach unten in rotierender Bewegung wie ein Kreisel auf der Oberfläche der See hinzugleiten schien. Die Säulen standen nicht immer senkrecht, sondern schienen häufig wie vom Winde hin und hergebogen. Eigenthümlich sah es aus, wenn zwei Wasserhosen aneinander vorbeigingen. Sie bewegten sich langsamer oder schneller in der Richtung von Westen nach Osten. Wenn eine Wasserhose sich wieder auflöste, verschwand der untere helle Theil in der See, der obere dunkle zog sich mit reißender Schnelligkeit und noch immer in wirbelnder Bewegung in das Gewölk zurück. Die ältesten Lootsen von Warnemünde hatten so viele Wasserhosen auf einmal noch nie gesehen. Sonst wußten sie Manches von dieser Naturerscheinung zu erzählen. So ein Ding sei nicht ungefährlich. Wenn ein kleines Fahrzeug dahineingeriethe, wäre es unbedingt verloren, aber auch einem großem Schiff könnten davon die Masten abgedreht werden. An demselben Tage fiel über Warnemünde der erste etwas ausgiebige Regen seit vielen Wochen.“

Nun sind natürlich sehr wahrscheinlich noch deutlich mehr Tornados in den letzten 100 bis 200 Jahren über der Ostsee vor Warnemünde (oder womöglich auch im Ort) aufgetreten, als in der oben aufgeführten Liste stehen. Viele Fälle stammen aus den letzten Jahren und liegen nicht weit in der Vergangenheit. Das liegt vor allem daran, dass heute fast jeder die Möglichkeit hat schnell das Smartphone oder die Fotokamera zu zücken und somit die Dokumentation viel leichter und unkomplizierter ist.

Die jährliche Anzahl beobachteter Wasserhosen an unseren deutschen Küsten schwankt stark. Wenn sich günstige Wetterlagen im August oder September einstellen, und dies nach einem sehr warmen Sommer mit hohen Wassertemperaturen, können über 50 Fälle registriert werden. Besonders extrem war das Jahr 2006 mit 64 bestätigten Tornados über Wasser und einer hohen Dunkelziffer.

Zum Abschluss noch eine kleine Begriffskunde: Die Begriffe Tornado und Windhose sind Synonyme und beschreiben das gleiche Wetterphänomen, wobei Meteorologen „Windhose“ ungern verwenden, da es verniedlichend wirkt. Wasserhosen sind Tornados, die über einer größeren Wasserfläche wie einem Meer oder See auftreten. Die in den Medien gerne formulierte Beschreibung „Mini-Tornado“ ist Blödsinn. Tornados können in Europa genauso stark sein, wie in den Vereinigten Staaten.


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